Als einer von zwei Sachverständigen
der Verteidigung trat beim Prozess gegen
Ahmed Rami Professor Jan Bergman
auf. Dies wurde ihm von der zionistischen
Mafia bis zum heutigen Tage nicht verziehen,
denn fast jede Woche reitet die eine oder
andere "schwedische" (oder "norwegische",
oder "dänische") Zeitung eine
hasserfüllte Attacke gegen den
Wissenschaftler, womit meist die Forderung
verbunden wird, die Universität Uppsala
solle diesen "Antisemiten" doch endlich zum
Teufel jagen. Doch da die Meinungsfreiheit in
Schweden trotz allem noch bedeutend
grösser ist als in anderen Ländern
der freien Welt, unterrichtet Bergman noch
heute. Wir geben seine Aussage beim
Rami-Prozess im folgenden wieder.
Advokat Folke: Herr Jan Bergman,
berichten Sie zu Beginn einmal über Ihre
wissenschaftlichen Leistungen.
Bergman: Ich bin Professor für
Religionsgeschichte, und mein Spezialgebiet
ist der Nahe Osten. Dies bedingt, dass ich
mich sowohl mit dem Judentum als auch mit dem
Islam aufs eingehendste befasst habe. Ich bin
in erster Linie Historiker, aber als solcher
arbeitet man auch viel mit Texten. Ich habe
Exegetik mit Hieroglyphen, Koptisch,
Hebräisch, Griechisch, Latein usw.
betrieben. Exegetik interessiert mich ganz
besonders. Ich erteile in diesem
Wintersemester einen Exegetikkurs; seit 15
Jahren besuche ich regelmässig die
höheren Seminarien in der Exegetik des
Neuen Testaments, was für einen
Professor, der ein anderes Fach unterrichtet,
gewiss ungewöhnlich ist.
Adv. F:
Was heisst "Exegetik"?
Bergman:
Der Ausdruck "Exegetik" bedeutet
wörtlich, dass man einem Text seine
Bedeutung entnimmt. "Ex ago" heisst
"entnehmen". In anderen Worten, man deutet
einen Text kritisch und unter
Berücksichtigung historischer
Gesichtspunkte.
Adv. F: Ist
ein Historiker, ein Religionshistoriker,
etwas ganz anderes als ein Exeget?
Bergman: Man kann sagen, dass die
Exegetik um die Texte des Neuen, aber auch
des Alten Testaments an den theologischen
Fakultäten schon seit sehr langem
betrieben wird. Wir haben es also mit einer
traditionsreichen Wissenschaft zu tun. Es ist
völlig klar, dass ein
Religionshistoriker, je nach seinem
Fachgebiet, ebenfalls mit Texten arbeitet,
und ich stehe in der Tradition jener
Religionshistoriker, welche sich eingehend
mit Texten auseinandergesetzt haben. Da kommt
einem die Exegetik, also die besondere
Erfahrung, die man im Umgang mit Texten
gewonnen hat, sehr zustatten.
Adv. F: Auf
dem Gebiet welcher Religionen haben Sie
exegetische und historische Kenntnisse?
Bergmann: Historische Kenntnisse
besitze ich auf dem Gebiete der Religionen
des Mittelmeergebiets. In Betracht kommen in
unserem Zusammenhang das Judentum, der Islam,
aber auch die östlichen christlichen
Kirchen, denen manche Palästinenser
anhängen. Wenn es sich als notwendig
erwies, konnte ich auch Texte deuten.
Gelegentlich bin ich auf Hilfe von
Spezialisten angewiesen.
Adv. F: Sie haben sich also auf den
Nahen Osten spezialisiert. Welche Folgen
hatte das für ihre wissenschaftliche
Tätigkeit?
Bergman: Ich begann als Historiker,
kann aber auch Ägyptologie auf
Professorenstufe unterrichten und habe mich
mit den Hieroglyphen beschäftigt. Weiter
zurück kann man kaum greifen, wenn es um
die Deutung von Texten geht. Wir haben es
hier mit einer fünftausend-jährigen
Tradition zu tun. 1975 erhielt ich eine neu
benannte Professor-enstelle. Vorher gab es
nur ein Professorat in Religionsgeschichte
mit dem Schwergewicht auf
Religionspsychologie, doch nun entstand eine
Professorenstelle für
Religionsgeschichte mit dem Schwerpunkt Naher
Osten. Es war dies einige Jahre nach dem
Oktoberkrieg.
Ich begriff damals, dass ich, um
Forschungsaufgaben zu erfüllen, die den
Erwartungen der Gesellschaft entsprachen,
auch moderne Studien betreiben musste. Dies
tat ich auch bereits nach ein paar Jahren,
zusammen mit anderen Kollegen von der
Theologischen Fakultät Uppsala sowie der
Universität von Uppsala.
Ferner entwarf ich die Richtlinien
für ein Westasien-Projekt, das sich mit
Interaktion befasst. Darunter versteht man
die Wechselwirkung von Religionen, Kulturen
und Politik im Nahen Osten in Gegenwart und
Vergangenheit. Letzeres gab den Ausschlag
für die Professur und deren Einrichtung.
Früher hatte ich hauptsächlich
Geschichte studiert, doch während der
verflossenen zehn Jahre konzentrierte ich
mich mehr auf die Gegenwart und die modernen
Fragestellungen im Nahen Osten sowie auf die
alten Kulturen.
Adv. Folke:
War dies auch mit Aufenthalten an den
erforschten Orten verbunden?
Bergman: Es
versteht sich von selbst, dass man heutige
Strömungen nicht studieren kann, ohne
recht viel zu reisen. Ich war wohl sieben-
oder achtmal in Israel, ein paarmal im
Libanon, das eine oder andere Mal im Iran und
mehrfach in Ägypten. Auch Libyen und
andere nordafrikanische Länder habe ich
besucht, um nur die in unserem Zusammenhang
relevanten Reisen zu nennen.
Adv. F:
Eine weitere Frage: Auf welchen
Unterlagen fussen Ihre Beurteilungen, und
über welches Ihnen zur Verfügung
stehende Material werden Sie bei diesem
Prozess sprechen?
Bergman: Das von der Anklage
verwendete Material, Tonband-aufnahmen, das
Buch Vad är Israel? Selbstredend habe
ich bei der Beurteilung all dessen auch mit
vielem Vergleichsmaterial gearbeitet, und
darauf kommen wir wohl im Zusammenhang mit
den gestellten Fragen zurück.
Adv. F: Gehe ich recht in der
Annahme, dass Sie Zugang zu allen hier zur
Debatte stehenden Unterlagen hatten?
Bergman:
Ja.
Adv. F: Hatten Sie auch Zugang zu
Tonbandaufnahmen von anderen Programmen, auf
die sich die Anklage nicht erstreckt?
Bergman: Nein. Ich war der Meinung,
das Buch Vad är Israel? sei dafür
ein vollwertiger Ersatz, da ich denke, das
Entscheidende sind nicht einzelnde Programme,
sondern eine Gesamtbeurteilung, und da kann
man wohl davon ausgehen, dass die von der
Anklage erfassten Punkte die
anstössigsten sind. Ramis Ausgangspunkt
ist Gaza, nicht die "Dialoge" Stendahls!
Adv. F: Kommen wir auf Ihre
Auffassung von Ramis Botschaft zu sprechen!
Wie lautet die Botschaft, die er verbreiten
möchte, und warum will er dies? Zu
welchen Ergebnissen kamen Sie bei der
Durchsicht des Materials?
Bergman: Für mich ist es
sonnenklar - und darum muss man diese Frage
als erstes aufgreifen - dass die treibende
Kraft hinter Ahmed Ramis äusserst
energischer, intensiver und repetitiver
Tätigkeit eine unbeugsame
Solidarität mit den Palästinensern
und deren Schicksal ist. Das
Inhaltsverzeichnis des Buches Vad är
Israel? bringt dies auch gut zum Ausdruck. Es
drückt den Standpunkt der Unterlegenen,
der Unterdrückten, der Menschen auf der
Westbank und im Gazastreifen aus.
Die Ausgangsposition ist doch die, dass
seit dem 7. Dezember 1987 (dem Beginn der
Intifada) täglich ein Mensch, ein
Palästinenser, erschossen wurde oder
durch andere Gewalttaten seitens des
israel-ischen Staates umgekommen ist, ganz
abgesehen von den Verwundet-en und sonstwie
Geschädigten. Dies ist mit grossem
Leiden verbunden, mit Gewaltshandlungen,
tätlichen Übergriffen und Hass. Von
alle dem gibt es im heutigen Israel und in
den besetzten Gebieten mehr als genug. Wer
auch nur eine Seite des Buches Vad är
Israel? gelesen oder ein einziges Programm
von Ahmed Rami gehört hat, weiss
darüber Bescheid.
Kurz, es geht hier um Kampf, Leiden, Tod
und Opfer... Ich halte es für ungemein
wichtig, dass wir uns darüber einig
sind. Auch Bischof Krister Stendahl hat heute
morgen ja zugegeben, dass dies der
Aus-gangspunkt ist.
Natürlich kann man sich immer fragen,
ob hinter jeder Aussage und hinter jedem
Programm dies und nur dies liegt. Doch
jedenfalls ist es der Hauptfaktor, und es
scheint mir ganz offenbar, dass es Ahmed
Ramis wichtigstes Anliegen ist.
Sein Ausgangspunkt ist beispielsweise die
heutige Lage im Gazastreifen. Und dort geht
es nicht um einen Dialog, sondern um Polemik,
um eine Streitschrift also. Kein Leser von
Vad är Israel? und kein Hörer von
Radio Islam soll, wie Stendahl, sagen, da
herrsche ja gar keine Ausgeglichenheit. Um
solche geht es nämlich überhaupt
nicht. Es ist wichtig, zu wissen, mit welchem
Ziel jemand etwas tut, und naturgemäss
gibt es die verschiedensten Stufen und
Methoden, seine Ziele zu verwirklichen.
Selbstverständlich ist mir
persönlich ein Dialog weitaus
sympathischer als ein Gefecht, daran besteht
kein Zweifel. Doch leider Gottes muss ich
feststellen, dass es im heutigen Israel so
wenig Anstösse zu einem Dialog gibt. Wir
sollen Ahmed Rami nicht danach beurteilen, ob
er ein guter Debattenredner ist, denn darauf
hat er nie Anspruch erhoben. Es liegt auf der
Hand, dass dieses Buch Vad är Israel?
nicht in einen Dialog im engeren Sinne des
Wortes passt. Sieht man die Sache hingegen
auf einem breiteren Hintergrund, so sollte
jedes menschliche Zusammenleben, wie Krister
Stendahl sagte, auf ein besseres
gegenseitiges Verständnis ausgerichtet
sein, so dass man wenigstens langfristig zu
einer Verständigung gelangen kann.
Ich sehe Ramis Tätigkeit so, dass
sie, trotz ihrer sprachlichen Form, hier
vielleicht doch eine gewisse Funktion
erfüllen kann, wenn man sich die
Grösse der Schwierigkeiten vor Augen
hält und die Probleme definiert.
Für Krister Stendahl war dies ein
wichtiger Punkt: in einem Dialog versteht es
sich von selbst, dass jede Seite sich selbst
darstellen und seine lebende religiöse
Kultur aus seinem Innersten offenbaren darf.
Betrachtet man die gegenwärtige
Situation im Nahen Osten, und stellt man sich
die Frage Vad är Israel? - Was ist
Israel? -, so muss man verlangen, dass die
direkten und indirekten Opfer des
militaristischen und expansionistischen
Staates Israel sich ebenfalls selbst
darstellen dürfen.
Zugegebenermassen tun sie dies vielleicht
nicht besonders gut, und man muss schon genau
hinsehen, um nicht nur ihren Hass zu
entdecken, sondern auch ihre Angst und
Verzweiflung angesichts der herrschenden
Lage. Es liegt mir daran, zu betonen, dass
ich die beanstandeten Texte und
Tonbandaufnahmen in diesem allgemeineren
Rahmen analysiert habe.
Adv. F: Ich habe Sie vor allem als
Experten befragen wollen, um Ihre Meinung zu
den Bibelzitaten zu hören, die in den
beanstandeten Texten figurieren. Welche
gemeinsame Überschrift würden Sie
über diese Zitate setzen? Gehören
sie alle zu einem gewissen Typus von
Bibeltexten?
Bergmann: Die Exegetik ist eine
Wissenschaft. Diese Wissenschaft betreibt
Ahmed Rami nicht. Ahmed Rami hat keine
Ausbildung als Exeget genossen. Dies bedingt,
dass er, wenn er Bibelzitete anführt,
sich meist mit einem oder einigen Versen
begnügt. Dabei stützt er sich voll
und ganz auf die schwedische
Bibelübersetzung. Er hat also keinen
Versuch unternommen, verschiedene
Bibelübersetzungen zu vergleich-en. Es
gibt ja keine objektive Norm. Er hat die
Texte ausgewählt, wo "vernichten" und
nicht "verheeren" oder etwas Ähnliches
steht; er hielt sich an den Wortlaut der
schwedischen Bibel und hat diese, soweit ich
überprüft habe, richtig
zitiert.
Er nennt die Stellen, wo die Zitate
stehen, jeweils genau, was in einer Polemik
durchaus nicht selbstverständlich ist.
Er sagt nicht: "Aus hundert Beispielen
wähle ich dieses aus", sondern zitiert
eine Stelle nach der anderen. Es ist dies
eine einfache Methode, mit Texten umzugehen.
Doch bietet er dem Leser die
Möglichkeit, sich selbst durch
Nachschlagen zu vergewissern, dass er korrekt
zitiert. Seine Auswahl steht natürlich
im Zusammenhang mit seinem Anliegen. Rami
knüpft sich eine bestimmte Tradition
oder eine bestimmte Gruppe in Israel vor, die
seiner Auffassung nach direkt oder indirekt
für die israelische Politik
verantwortlich ist, und verweist dann auf die
passenden Bibelstellen.
1976 veröffentlichte ein Jakobus
Schonefeld in Amsterdam eine Abhandlung, der
in erster Linie Studien in Israel zugrunde
lagen. Sie heisst: "Die Bibel in der
israelischen Ausbildung. Eine Studie der
verschiedenen Arten, wie man sich der
hebräischen Bibel nähern kann." Die
hebräische Bibel ist unser Altes
Testament. Es geht also um deren Auslegung in
der in Israel benutzten pädagogischen
Literatur. Man hat es hier mit ganz konkretem
Material zu tun. Den Hauptteil nimmt dabei
die Untersuchung des in den ersten
Schuljahren in Israel verwendeten Materials
ein, bei dem Texte aus der hebräischen
Bibel eine zentrale Rolle spielen.
Auf Grund seiner Detailstudien gelangt
Jakobus Schonefeld zu dem, was er als vier
verschiedene Verhaltensweisen gegenüber
diesen Texten bezeichnet. In der Schule geht
es auch nicht um eine tiefschürfende
Exegetik, so dass wir seine Folgerungen hier
voll auswerten können. Er beschreibt die
vier Verhaltensweisen wie folgt: "Der erste
Weg liegt darin, die heutige Lage" - er
spricht von "Selbstidentität", denn er
denkt an den einzelnen Schüler oder den
einzelnen Lehrer, aber wir können
einfachheitshalber wohl von der "heutigen
Lage" reden - an dem Bibelwort misst.
Adv.F: Was
bedeutet das?
Bergman: Es bedeutet, dass das
Bibelwort zur Norm wird. In der Praxis
verhält es sich so, dass man, soll
dieses Vorgehen auch wirklich funktionieren,
die Bibel aufs genaueste kennen muss, um
für jede heutige Situation eine passende
Bibelstelle zu finden. Die Bibel ist ja die
alte Quelle, aus der alle heutigen Normen
spriessen. Sie bestimmt die gebotene
Handlungsweise. Meinen Taten liegt ja in
erster Linie ein System von in der Bibel
fixierten Regeln zugrunde. Unter diesen
Umständen unterstelle ich die heutige
Situation der Autorität der Bibel. Somit
erfüllt die Bibel eine normative
Funktion.
Das zweite Modell besteht laut Jakobus
Schonefeld darin, dass man die heutige Lage
in die alten Quellen "hineinprojiziert", d.h.
mit der modernen Situation anfängt. Die
Exegetik entnimmt einem Text etwas, die
Eisegetik liest die eigene Lage darin hinein.
In beiden Fällen werden der Text und die
aktuelle Situation aufs engste miteinander
verknüpft.
Man kann sagen, im zweiten Falle gehe man
von den konkreten Gegebenheiten der Gegenwart
aus und suche dann einen Bibeltext, der einem
einen geistigen Halt verleiht und
Lösungsmöglichkeiten aufzeigt. Dann
gibt es einen dritten Weg. Hier spricht
Schonefeld ganz einfach von einer
Konfrontation; er geht wiederum von der
heutigen Lage aus, und die in der Bibel
beschriebenen Geschehnisse haben scheinbar
gar nichts damit zu tun. In diesem Fall zeigt
der alte Text einfach, dass sich die
Gegebenheiten grundlegend gewandelt
haben.
Schliesslich besteht noch ein vierter Weg,
der einem etwas wissen-schaftlicheren (oder
"objektiven") Modell eher entspricht. Man
gestattet sich bei der Deutung des Textes
gewisse Freiheiten. Man legt eine
historisch-kritische Haltung an den Tag,
führt verschiedene Argumente an,
entnimmt dem Text eine bestimmte Passage und
sagt, sie habe vielleicht unter
Umständen, wenn auch nicht unbedingt im
vorliegenden Fall, eine gewisse
Gültigkeit. Diese vierte Methode ist die
noch am ehesten wissenschaftlich-kritische.
Man kann wohl sagen, dass die dritte und die
vierte der vier geschilderten Methoden mehr
Arbeit erheischen, während die ersten
beiden verhältnismässig einfach
sind. Es wäre meiner Auffassung nach
ganz nützlich, näher zu betrachten,
welchem dieser vier Modelle die Methode Ahmed
Ramis entspricht und welches Vorgehen er der
israelischen Gesellschaft vorwirft.
Im grossen ganzen schlägt Ahmed Rami
den zweiten Weg ein. Er geht von der
gegenwärtigen Lage in Palästina
aus, von den reellen Leiden. Dies ist ganz
augenscheinlich. Er projiziert die heutige
Situation in diese Texte hinein und meint,
die Übereinstimmung sei höchst
verblüffend.
Ferner schlachtet er jene Stellen im Alten
Testament aus, in denen berichtet wird, wie
die Feinde der Juden ausgerottet werden.
Leider Gottes gibt es manche Leute, die - wie
z.B. Morton Narrowe, der aus den USA
stammende schwedische Oberrabbiner in einem
Zeitungs-artikel - behaupten, diese grausamen
Texte gehörten überhaupt nicht zur
jüdischen Überlieferung...
Ich komme auf die Frage der Textauswahl
zurück. Betrachtet man sie von
jüdischer Seite, so würde ich sagen
- und Morton Narrowe würde mir da wohl
recht geben -, dass den Kern dieser Texte,
den wahrscheinlich greulichsten Texten, um
die es hier geht, Passagen bilden, welche man
als die Herem-Texte sowie die Amalek-Texte
bezeichnet. Sie entstammen in erster Linie
den Büchern Mose, Josua und Richter,
welche die Eroberung des Landes und den
jüdischen Anspruch darauf
beschreiben.
Man tötete die ägyptischen
Erstgeborenen, und darauf folgte der
wunderbare Gang durch das Schilfmeer. Die
Israeliten wurden gerettet, und Pharao ging
mitsamt seinen Heerscharen elendiglich
zugrunde. Die betreffenden Texte zeigen in
hohem Masse, wie das Pendel in beiden
Richtungen ausschlägt. Des einen Brot
ist des anderen Tod - kein
ungewöhnliches Phänomen.
Doch andererseits war Amalek, oder das
Volk der Amalekiter, der erste Feind, auf den
die Stämme Israels stiessen. Als
Erzfeind ist Amalek gewissermassen eine Art
mystische Figur, ein Symbol für jene,
die, folgt man gewissen Bibelstellen, nach
und nach vernichtet werden sollen und von
dessem Namen nichts mehr übrigbleiben
darf. Dies soll Schritt um Schritt geschehen.
Das Wort "herem" kann mit "vernichten",
"zunichte machen" oder "völlig
zerstören" übersetzt werden. Die
Amalek-Texte bilden also einen Bestandteil
der Herem-Texte.
Doch gibt es von letzteren noch mehr. Nach
Amalek werden noch weitere sieben Völker
ausgemerzt, die ein Hindernis auf dem Wege
zur Eroberung und Inbesitznahme des gelobten
Landes darstellen. Dies gilt etwa für
die Kanaaniter, und diese werden manchmal als
Sammelbegriff für jene sieben
Völker betrachtet, manchmal aber auch
als eines von den sieben dargestellt.
Für einen Historiker ist es
vollkommen einleuchtend, dass diese Texte
eine nachträgliche Idealisierung sind,
eine mystische Darstellung des Idealzustands,
der darin bestünde, einziger Herr in
seinem Lande zu sein.
Was Ahmed Rami hier entdeckt, entspricht
recht genau dem, was die Palästinenser
täglich erdulden oder womit sie
zumindest rechnen müssen, und deshalb
greift er vor allem solche oder verwandte
Texte auf. Verhält es sich in Tat und
Wahrheit so, dass man diese Texte heute in
Israel in grösserem Ausmass in die
Wirklichkeit umzusetzen trachtet? Ist es
nicht willkürlich, zu behaupten, diese
Texte bestimmten gewissermassen direkt oder
indirekt die Geschehnisse im heutigen Israel?
Ein Teil meiner Aufgabe hier liegt darin,
aufzuzeigen, wie gross die tatsächliche
Rolle dieser Texte in Israel ist.
Adv. F: Vielleicht sollten wir, ehe
wir uns der gegenwärtigen Situation
zuwenden, etwas darüber sagen, wie diese
Herem-Texte eigentlich zustande gekommen
sind. Kann man als Historiker eine klare
Meinung dazu haben, inwiefern diese in den
Büchern Mose und Josua stehenden Texte
über die Eroberung des Landes und die
dabei ablaufenden Geschehnisse von Anfang an
als Normen, als Vorbilder, gelten sollten?
Wie verhält es sich damit?
Bergman: Es ist dies eine sehr
lange Geschichte, die von
volkstüm-lichen und mündlichen
Überlieferungen bis zu Niederschriften,
Ab-änderungen dieser Niederschriften und
Abänderungen der Ab-änderungen
reicht. Schliesslich wurden die Texte in der
uns heute vorliegenden Form aufgezeichnet,
wobei ich in erster Linie an das
Deuteronomium, das fünfte Buch Mose,
denke. Die Bücher Mose sind Moses
Testament; in ihnen spricht Moses selbst
fortwährend. Sie sind sozusagen seine
Abschiedsrede, in denen er Vorschriften
erlässt und seinen eigenen Tod
voraussagt.
Das Deuteronomium ist teilweise eine
Zusammenfassung des viel-schichtigen Stoffs
in den vier vorangegangenen Büchern - im
vierten Buch geht es etwa um
Volkszählung und Stämme, im dritten
um die zahlreichen Gesetze zum Priestertum,
im zweiten aus den Auszug aus dem
Ägypterlande, im ersten um die
Schöpfung, die Josefsgeschichte und so
weiter. Kurz, der Stoff dieser Bücher
ist ausserordentlich facettenreich. Doch was
in unserem Zusammenhang am bedeutendsten ist,
sind gewisse Stellen aus dem zweiten
Mosesbuch, die mit der Schilderung der
eigentlichen Eroberung im Buche Josua
überein-stimmen.
Im Deuteronomium, der "Abschiedsrede",
wird festgehalten, was hinsichtlich des
Bundes zu gelten hat. Zwei Wege werde ich
euch vorlegen, sagt Moses. Der eine ist der
Weg des Lebens. Wenn ihr meine Gebote und
Anweisungen befolgt und den Bund getreu
einhaltet, so werdet ihr auf dem Wege des
Lebens, dem Wege Gottes wandeln - und ich bin
mit euch. Der andere Weg ist der Weg des
Todes ...
Ein Teil der Texte ist vielleicht erst 700
Jahre nach den betreffenden Ereignissen
endgültig schriftlich niedergelegt
worden. Ihnen liegt eine lange Geschichte
zugrunde, und wir können nur werweisen,
wie sie begann und wie sie umgestaltet wurde.
Doch jedenfalls wurden diese Texte als
Schilderungen des Bundes verwendet, und man
man hat ihnen Teile entnommen, die vielleicht
bedingungslose Versprechungen waren.
Im ersten Buch Mose ist natürlich
auch viel von Versprechungen die Rede - an
Abraham, Isaak, Jakob usw. Bisweilen sind sie
mit der Bedingung verbunden: "Wenn ihr meine
Gebote und Anweisungen einhaltet...",
bisweilen werden sie ohne Bedingung erteilt,
und hier gab es manche eifrige Diskussion:
Soll man stillschweigend annehmen, dass doch
Bedingungen vorlagen, oder gab es
tatsächlich keine solchen?
Natürlich hängt vieles davon ab,
wie man eine solche Sache interpretiert
...
Adv. F: Wie wurden diese Texte, die
Herem-Texte und die Verheissungen, denn in
der jüdischen Tradition im Verlauf der
Jahr-tausende gedeutet? Können Sie kurz
darauf eingehen?
Bergman: Wenn wir etwa die Texte
über Amalek betrachten, so stellen wir
fest, dass es sich um eine zwar stufenweise,
aber letztlich totale Vernichtung handelt,
die mit der Auslöschung des Namens
Amalek selbst ihren Höhepunkt
erfährt. So wird das Prinzip der totalen
Vernichtung ausgedrückt. Deshalb spielt
die Yad-Vashem-Gedächtnis-stätte in
Jerusalem, das an die Opfer der "Shoa"
erinnern soll, eine so wichtige Rolle. Dort
sind nämlich die Namen der Opfer
aufgelistet. Sie sind also nicht verloren
gegangen und erinnern an die Toten.
Doch in den zur Diskussion stehenden
Texten steht eben gerade, dass nicht nur
Amalek, sondern auch sein Name
ausgelöscht werden soll. Es geht also
ausdrücklich um eine Totalvernichtung
...
Die Frage ist gar nicht, wie man diese
Texte normalerweise auslegt. Man müsste
hier weiter ausgreifen und über
verschiedene Arten des Judentums und deren
unterschiedliche Interpretation der Bibel
reden. Massgeblich ist für unseren Zweck
lediglich, wie man es in der heutigen,
konkreten Situation damit hält - gibt es
Beispiele dafür, dass man diese
Bibelstellen in die Praxis umzusetzen
versucht?
Adv. F: Ganz genau das wollte ich
Sie fragen.
Bergman: Ja.
Adv. F: Gibt es in weltlichen,
politischen Fragen in Israel heute eine
Argumentation, welche sich auf diese Texte
stützt?
Bergman: Durchaus. Ich werde nun
eine kleine Dokumentation präsentieren,
und ich darf gleich vorausschicken, dass es
keine heitere Lektüre sein wird...
Greifen wir zuerst ein gewichtiges Beispiel
heraus, dass Anlass zum Nachdenken geben
wird. Es handelt sich um eine Broschüre,
die von den bewaffneten israelischen
Streitkräften heraus-gegeben worden ist,
und zwar vom Zentralkommando. Ein
Mitverfasser ist der oberste
Armeerabbiner.
Die Schrift wurde nach dem Oktoberkrieg
abgefasst und verbreitet. Die
Überschrift lautet: "Die Nachwirkungen
des Jom-Kippur-Krieges. Einige Betrachtungen,
Halacha und die Forschung." Unter Halacha
versteht man die normative Seite des
Judentums, die oft auch als "Mitzva"
bezeichnet und von Ahmed Rami in seinen
Sendungen und Schriften regelmässig
erwähnt wird. Das Wort bedeutet "Gebot",
wobei es sich um ein positives oder ein
negatives Gebot handeln kann. Es gibt
insgesamt 613 solche "Mitzvot", wie der
Plural von "Mitzva" lautet. Bei Diskussionen
steht sehr häufig eine solche Mitzva am
Anfang.
Die Wissenschaft, die sich damit
beschäftigt, nennt man "halachisch". Sie
setzt sich aufs eingehendste damit
auseinander, wie verschiedene Dinge mit
diesen allgemein anerkannten 613 Mitzvot in
Beziehung gebracht werden können.
Gerichtsvorsitzender: Was ist das genau
für ein Dokument, worauf Sie sich
beziehen, Herr Professor Bergman?
Bergman: Dieses Dokument ist in
einer höchst angesehenen israelischen
Zeitung, nämlich Haol'am Hazeh,
veröffentlicht worden. Das Vorwort
entstammt der Feder eines im Zentralkommando
der Armee angestellten Generals namens Jona
Efrati, und darin steht:
"Diese Studien sind der Erinnerung an jene
Soldaten geweiht, die ihr Leben dafür
gaben, dass wir weiterexistieren können.
Mögen diese Studien Kerzen zum
Angedenken an unsere unlängst den
Märtyrertod gestorbenen Söhne
sein."
Man muss dies also im Schatten des
Oktoberkrieges von 1973 sehen. Und da haben
wir einen Halacha-Artikel, der über die
Pflicht aufklärt, Zivilisten
umzubringen; hier wird ausdrücklich auf
eine Herem-Stelle Bezug genommen, und sie
wird auch auf Zivilisten bezogen. Der Titel
der Schrift lautet "Die Waffen zu reinigen".
Der oberste Militärrabbi, Oberstleutnant
Avidan, leitet seinen Artikel wie folgt ein:
"Die israelische Armee wird allgemein als
Heer anerkannt, welches seine Soldaten dazu
erzieht, streng auf die Reinheit der Waffen
zu achten." Über diese "Reinheit der
Waffen" ist in Israel ausgiebig debattiert
worden.
Sehen wir uns diese Diskussion etwas
näher an. "Ehe sie zu Felde ziehen, und
im Rahmen der operationellen Instruktionen,
wird den Soldaten der klare und unzweideutige
Befehl erteilt, friedlichen Zivilisten
keinerlei Schaden zuzufügen. Das Ziel
dieses Beitrags besteht darin, verschiedene
Aspekte dieser komplexen und heiklen Frage
vom Standpunkt der Halacha aus zu
prüfen."
Diese Einleitung stellt also klar, dass
die Armee sich zur Genfer Konvention bekennt,
der zufolge man keine Zivilisten töten
darf. Doch anschliessend geht Rabbi Avidan
ausführlich auf die religiösen
Gebote ein
Es wird fleissig zitiert. Es werden
ausgiebige Beweise dafür erbracht, dass
man im Krieg schon immer Zivilisten
getötet hat, das man das Recht - und
unter gewissen Umständen sogar die
Pflicht - hat, Zivilisten zu töten.
Rabbi Avidan bezieht sich beispielsweise
auf die Tosafoth. Darunter versteht man eine
Tradition, die zugegebenermassen ausser-halb
der talmudischen liegt. Wir haben die
hebräische Bibel, die Mishna sowie
Ergänzungen dazu, welche man Gemarah
nennt, und schliesslich zwei Versionen des
Talmud, von denen die eine Kohmenerah heisst
und aus dem 5. Jahrhundert stammt,
während die zweite autoritativer und
vollständiger ist und um 500 n.Chr.
entstand; man bezeichnet sie als den
jerusalemitischen Talmud. Die Tosafoth
gehören also nicht zu den eben
erwähnten heiligen Schriften, doch misst
man ihnen in der jüdisch-orthodoxen
Tradition beinahe den gleichen Stellenwert
bei.
Avidan schreibt: "Es erweist sich, dass
israelische Truppen, die den Feind angreifen,
laut den Geboten der Tosafoth und den
halachischen Gesetzen auch Zivilisten
umbringen müssen, die sich unterwerfen
oder, in anderen Worten, sich anständig
verhalten. Es steht geschrieben: Du sollst
die besten unter den Heiden töten. Dazu
besteht eine Variante:
Du sollst die besten unter den
Ägyptern töten.
Adv. F: Aus welcher Schrift zitiert
Avidan da? Erwähnt er dies?
Bergman: Nein; die Passage, wo es
heisst, man müsse die besten unter den
Heiden töten, steht wohl in der
hebräischen Bibel. Woher die
anschliessend genannte Variante kommt, ist
mir nicht ganz klar. Klipp und klar wird also
gesagt, man dürfe auch die besten unter
den Heiden nicht schonen, jene, die sich an
die Gesetze halten, gefügig und
eigentlich über jeden Verdacht erhaben
sind. Die "besten" könnten ja zu den
"schlechtesten" werden und sich als
Verräter entpuppen. Das ist also eine
typische Stelle.
Avidan schreibt weiter: "Es ist bereits
gesagt worden, dass man die besten unter den
Heiden töten soll, und dass keiner
darauf vertrauen darf, ein Heide werde
unseren Truppen keinen Schaden zufügen,
denn der Verdacht bleibt stets bestehen, dass
er in einer gewissen Phase der Kämpfe
dies sehr wohl tun kann, entweder indem er
dem Feinde Unterschlupf gewährt oder
indem er ihn mit Nachrichten versorgt..."
Dieser Gedankengang ist natürlich
ganz unvereinbar mit der Genfer Konvention,
welche das Töten von Zivilisten
untersagt. Diese können ja stets
verdächtigt werden, ihren eigenen
Landsleuten freundlicher gesinnt zu sein als
den Truppen des Eroberers.
Es folgt die Auslegung einer Stelle aus
dem zweiten Mosebuch, wo es vielleicht sogar
um Proselyten geht, um Ägypter, die
während der 200 bis 300 Jahre, in denen
das Volk Israel nach der Ankunft Josefs und
vor dem Auszug Mose im Ägypterlande
weilte, sich dem Judentum zuwandten. Ihre
Wagen wurden nicht zerstört. Später
wurde berichtet, gerade ihre Wagen habe man
zur Verfolgung der Juden auf dem Weg zum
Roten Meer benutzt.
Somit wird also die Verletzung des
Völkerrechts mit einem Abschnitt aus dem
zweiten Mosesbuch gerechtfertigt.
Rabbi Avidan fasst zusammen: "Unsere
Quellen erweisen klar, dass man sich nie auf
einen Heiden verlassen kann, so
fortschrittlich und zivilisiert er auch sein
mag. Zudem muss man sich stets in acht
nehmen, dass ein äusserlich gesehen
guter Heide dem Feinde keinen Beistand
leistet. Darum kommt man unweigerlich zur
Folgerung, dass jeder, der dem Feind
beisteht, selbst als Feind zu behandeln ist.
Ihr Beistand für den Feind verwandelt
sie in ein feindliches Ziel und definiert sie
als Feind, der getötet werden darf."
Etwas weiter ergänzt Avidan:
"Zivilisten, auf die unsere
Streitkräfte im Krieg stossen,
können getötet werden, ja sie
müssen sogar getötet werden, wenn
nicht sichergestellt werden kann, dass sie
ausserstande sind, gegen uns
zurückzuschlagen."
Es wird hier also eine kleine
Einschränkung gemacht. Doch bleibt diese
in der abschliessenden Zusammenfassung
unberücksichtigt, wo es heisst: "Man hat
das Recht, ja die Pflicht, Zivilisten zu
töten."
Adv. F: Ihrer Meinung nach
stützt sich Avidan also teils auf den
zitierten Abschnitt aus dem zweiten Buch
Mose, teils auf einen Text aus den
Tosafoth?
Bergman: Jawohl. Der Satz, wonach
man die besten unter den Heiden töten
soll, ist natürlich mit den Herem-Texten
verwandt. Die radikale Formulierung beweist,
dass es um die Ausrottung der Heiden geht.
Bleiben wir bei unserer Broschüre. Es
ist schon ein starkes Stück, dass diese
vom Zentralkommando der Armee gutgeheissen
und an die verschiedenen Einheiten verteilt
worden ist. Es lässt sich leicht der
Schluss ziehen, dass es der jungen Generation
allzu leicht gemacht wird, sich diese
normative, äusserliche und sehr simple
Deutung zu eigen zu machen. Wir haben es hier
mit der ersten der von mir genannten vier
Deutungsmethoden zu tun.
Adv. F: In welcher Form
äussert sich dies?
Bergman: Nehmen wir einmal den
Rabbiner Shimon Weitzer. Er ist der Vorsteher
einer Jeshiva-Schule namens Mudrashiat Noham.
In einer jüdischen Zeitung (dem
Jahresbuch besagter Schule, Band 11, 1974, S.
29) wird ein Briefwechsel wiedergegeben. Er
ist ein alltägliches Beispiel
dafür, wie das Judentum konkret
funktioniert. Natürlich ist es eine auf
schriftlicher Tradition basierende Religion,
doch entscheidend ist, wie die Schriften von
Rabbinern und Schulvorstehern heute gedeutet
werden. Rabbi Shimon Weitzer hatte einen
Brief von einem ehemaligen Studenten
erhalten, der gerade seinen
dreieinhalbjährigen Wehrdienst
ableistete.
Der Schüler berichtete ihm, in seiner
Einheit sei eine hitzige Diskussion über
die Frage der "Reinheit der Waffen"
entstanden. Es ging also um die vorher
genannte Broschüre. Mit dieser hatte der
Schüler seine Schwierigkeiten. Er
schrieb: "Vielleicht leben die Araber unter
Amaleks Gesetz."
Wir haben also das Schlüsselwort
"Amalek" - trifft dieses auf die
Araber zu oder nicht? Der Schüler -
oder Student - hegt also Zweifel:
Darf und soll man die Araber töten,
sie ausrotten, die Erinnerung an sie tilgen?
Gilt für sie die Genfer Konvention oder
die Halacha? Rabbi Weitzer weiss Rat: "Es ist
von den Nationen der Welt akzeptiert worden,
dass der Krieg seine Spielregeln hat,
ungefähr so wie Fussball und Basketball
ihre Spielregeln haben, doch wir Juden sehen
den Krieg nicht als Spiel - da sei uns Gott
vor! -, sondern als Notwendigkeit, die uns um
unseres Lebens willen auferlegt ist, und
diese Tatsache bestimmt unser Auftreten."
Die Genfer Konvention und die Gesetze der
Heiden werden also mit einem Fussballmatch
verglichen! Darauf variiert Weitzer das
vorhin genannte Zitat ein wenig und schreibt:
"Die besten unter den Ägyptern sollen
getötet werden, die besten unter den
Schlangen sollen zerstampft werden." Dies ist
ein deutliches Beispiel für
dämonisierende Sprache. Ägypter und
Schlangen sind keine menschlichen Feinde!
Rabbi Weitzer kommt weiter auf Sanhedrin
72, Vers l (Mishna, Talmud) zu sprechen, wo
es heisst, wenn es ums Töten gehe, so
solle man so vorgehen, dass man den
töte, der einen selbst töten wolle.
Es sei ja, räumt er ein, reichlich
schwierig, genau zu wissen, wer einen
töten wolle, und dann folgt eine
längere Erklärung darüber,
dass ja alle Araber die Juden töten
wollten. Der Student muss sich also sagen:
"Ja, ich begreife, dass ich sie umbringen
muss, selbst wenn ich dadurch in Konflikt mit
dem Militärgesetz komme." In der
Einleitung zur Broschüre ist ja auf
gewisse Gesetze und die Genfer Konvention
hingewiesen worden, doch in der halachischen
Auslegung kommt man also zum Ergebnis, der
"Amalek-Paragraph" trete in Kraft.
Adv. F: Rekapitulieren wir! Sie
berichteten von einem Jahresbuch, das von
einer Yeshiva, einer religiösen Schule,
herausgegeben wird, wo der Briefwechsel eines
Rabbi Shimon Weitzer mit einem früheren
Studenten abgedruckt ist, welcher seinen
Militärdienst leistet.
Der Student will von seinem Lehrer wissen,
ob die Araber möglicherweise unter dem
Gesetz Amaleks leben, und Weitzer antwortet
u.a. mit Bibelzitaten wie "die besten unter
den Ägyptern sollen getötet werden,
die besten unter den Schlangen sollen
zerstampft werden". Haben Sie hier noch etwas
hinzuzufügen?
Bergman: Ich kann auf einen Artikel
von Menachem Hacohen hinweisen, der am 16.
Juni 1989 in der Jerusalem Post erschien. Der
Artikel heisst "Wild West Bank Rabbis" und
sein Verfasser war früher
Knessetabgeordneter. Er geisselt eine ganze
neue Generation von Rabbinern, die das Buch
der Psalter 149, Verse 6-8, halachisch
auslegen: Ihr Mund soll Gott erheben, sie
sollen scharfe Schwerter in ihren Händen
halten, dass sie Vergeltung üben unter
den Heiden, Strafe unter den Völkern,
ihre Könige zu binden mit Ketten und
ihre Edlen mit eisernen Fesseln, dass sie an
ihnen vollziehen das Gericht, wie geschrieben
ist. Die junge Rabbinergeneration lege dies
so aus, dass jüdisches Blut mehr wert
sei als arabisches ...
Adv. F: Hacohen meint also, hier
habe man es mit einer Tendenz zu tun?
Bergman: So ist es. Besonders nach 1973
trat diese Tendenz krass zutage. Die
Gush-Emunim-Bewegung entstand wohl bereits
nach dem Junikrieg des Jahres 1967, aber
formell hat sie sich erst 1974 konstituiert,
also im gleichen Jahr, in dem die
erwähnte Broschüre verfasst wurde.
Der Gush Emunim ist recht einflussreich. Er
ist aber schwer fassbar, weil er ohne jede
Führung arbeitet. Zwar gibt es eine
Gruppe von fünf bis sechs führenden
Ideologen, fast alle Rabbiner, unter denen
Rabbi Lewinger der wichtigste ist. Diese
Bewegung geniesst besonders unter den
Siedlern hohes Ansehen, da sie ja selbst
für eine forcierte Siedlungspolitik
eintritt, hat aber auch unter den
Militärs sehr viele Anhänger.
Die Lage im heutigen Israel ist nicht
zuletzt darum so brisant, weil man es unter
den herrschenden Verhältnissen nicht
wagt, gegen religiöse Extremisten
vorzugehen, die sich politisch engagieren.
Keiner will diese religiösen Gruppen vor
den Kopf stossen.
Für das Auditorium ist es vielleicht
nützlich, daran zu erinnern, dass bei
der Ausrufung des jüdischen Staates
Israel am 14. und 15. Mai 1948 in der
Gründungserklärung kein Bibelzitat
vorkam, wohl aber eine sowohl für
religiöse wie für
nichtreligiöse Juden annehmbare
Formulierung. Es wurde vom "Felsen Israels"
gesprochen, und jeder bibelfeste Jude weiss
sogleich, dass dieser Fels laut dem Buch der
Psalter Gott ist. Doch steht der Ausdruck
nicht in Anführungszeichen.
Für nichtreligiöse Juden
drängt sich die Assoziation mit
"Massada, das nicht wieder fallen soll" auf.
Der "Felsen" ist dann das befestige Israel,
welches je nach Quelle die viert- oder
fünftgrösste Militärmacht der
Erde ist. Der Gegensatz zwischen
religiös und weltlich denkenden Juden
hat also von der Gründung des
israelischen Staates an eine bedeutsame Rolle
gespielt. Kann man Jude und Demokrat zugleich
sein?
Diese Problematik zeigt sich auch darin,
dass Israel keine Verfassung hat. Dies geht
u.a. darauf zurück, dass manche
extremreligiösen Gruppen sich nie mit
den für ihren Geschmack zu vagen
Formulier-ungen über die Grenzen Israels
oder die Frage, wer Jude sei, abge-funden
haben. Als kleine Kostprobe für die ganz
eigenartigen Verhältnisse in Israel
diene die Tatsache, dass es dort für
Nichtjuden in der Praxis keine
Religionsfreiheit gibt.
Angesichts dieser Umstände hat die
orthodoxe Judenschaft eine dominierende
Stellung erlangt, wenn es um die Auslegung
der Halacha geht. Dies bedingt, dass grosse
Gruppen, vielleicht die Mehrzahl der
amerikanischen Juden, nicht als vollwertige
Juden anerkannt werden, wie es die orthodoxen
Juden Israels sind.
Ich habe auf Ereignisse hingeweisen, die
sich 1948 abspielten, und führe nun ein
Beispiel aus dem Jahre 1989 an. Damals
deutete das Wahlergebnis stark auf eine
Koalition zwischen dem Likud und
ultraorthodoxen Juden hin. Die USA übten
Druck auf, um die Bildung einer solchen
Regierung zu verhindern. Eine solche
hätte die Bedingungen dafür, dass
jemand als Jude anerkannt wurde, vielleicht
verschärft, was dazu geführt
hätte, dass ein reformierter, liberaler
oder konservativer Jude einem orthodoxen
nicht gleichgestellt gewesen wäre.
Sowohl 1948 als auch heute, im Jahre 1989,
bemerken wir also sehr komplexe und gespannte
Situationen, wo eine stark orthodoxe
Religiosität in der Gesellschaft einen
verblüffend grossen Einfluss
ausübt.
Adv. F: Können Sie noch ein
Beispiel für eine auf die heutige Lage
bezogene Bibelauslegung in Israel
anführen?
Bergman: Ja. Ich gebe Ihnen ein
ganz zentrales Beispiel, das sich die Juden
stets mit einer Mischung aus Freude und
Entsetzen vor Augen gehalten haben. Es geht
um die Episode in Abrahams Leben, wo sein
absoluter Gehorsam gegenüber Gott auf
die Probe gestellt werden soll. Abraham soll
seinen Sohn Isaak opfern ... Hier im ersten
Mosesbuch steht es ganz eindeutig: Der
Schlüssel zu dieser Tradition liegt in
dem Begriff "Akeda".
Adv. F: Was heisst "Akeda"?
Bergman: Der Ausdruck leitet sich
von der Textstelle "und er band" her. Abraham
band nämlich seinen Esel fest, ehe er
den Berg bestieg, um das Opfer zu
vollbringen. Man wird einwenden, das
Festbinden des Esels sei nun wirklich nicht
das Wichtigste an dieser Stelle. Doch damit
wird angedeutet, dass in diesem Augenblick
der Weg nach oben begann, der in die Frage
mündete: "Hier ist das Holz, wo ist das
Opfertier?" "Akeda" symbolisiert das
Vorurteil, dass Abraham blind gehorche, ohne
zu denken.
In welchem Zusammenhang wird es nun
gebraucht? Wie in früher erwähnten
Fällen gibt es zahlreiche
Möglichkeiten, diesen Ausdruck praktisch
anzuwenden und darzulegen, dass es sich um
ein Vorurteil handelt. Übrigens hat der
von mir bereits genannte Schonefeld, der die
Rolle der Bibel im israelischen Unterricht
beleuchtet hat, dieses "Akeda" als
allererstes Beispiel angeführt. Er hat
die verschiedenen Bücher durchgeackert
und kam zum Ergebnis, in rund der Hälfte
der Fälle werde so unterrichtet und
erzogen, dass der Schüler den Eindruck
erhalten müsse: Tu es wie Abraham,
gehorche blind! Sei sogar bereit, deinen
eigenen Sohn zu schlachten!
Dann ist man um so leichter bereit, Amalek
zu schlachten, also Israels Feinde, und die
Ägypter, oder "die besten unter den
Ägyptern", oder "die besten unter den
Heiden". In der Hälfte der untersuchten
Beispiele finden sich verschiedene Stufen von
Auslegungen. Ich nehme eine Auslegung, die
noch ausgeprägter ist und sich auch
einem Heft über den religiösen
Zionismus figuriert, welches von Os wer
Shalom herausgegeben wurde. Dort greift ein
Ariel Shimon dieses Beispiel auf und betont,
wie gefährlich es natürlich sei.
Beim existentiellsten aller nordischen
Schriftsteller, Sören Kirkegaard, findet
die Opferszene ihren Niederschlag. Bei ihm
finden sich drei oder vier Szenen, wo er
beschreibt, wie Abraham nachdenkt, und
interessanterweise verweist eines der
untersuchten israelischen Schulbücher
auf Kirkegaard ...
Ich könnte eine lange Reihe von
Beispielen sowohl aus dem Unter-richtswesen
als auch aus der Gesellschaft anführen,
wo der Begriff Akeda zur Unterdrückung
jedes Arguments verwendet worden ist - tu es
wie Abraham, mit der Waffe in der Hand! Das
Hässliche liegt, wie ich betonen
möchte, darin, dass diese direkte,
unreflektierte Auslegung, also die
buchstäbliche Befolgung des Bibelwortes,
heute in den Kibbutz sehr gängig ist, wo
man allgemein Waffen trägt, desgleichen
in der Armee, wo man erst recht bewaffnet ist
und allen möglichen Spielraum zum
Handeln hat.
Diese garstige Kombination - eine
wortwörtliche Auslegung des genannten
Begriffs und Waffen - ist in der israelischen
Gesellschaft gang und gäbe. Os wer
Shalom und andere sind sich dessen voll und
ganz bewusst. Doch gibt es nichts daran zu
rütteln, dass Os wer Shalom, der diese
Auslegungsart ablehnt, eine einsame Stimme in
der Wüste ist. Der Gush Emunim dagegen
ist unvergleichlich einfluss-reicher und
effektiver, und sein Einfluss ist meiner
Meinung nach nicht gerade segensreich.
Adv. F: Können Sie
näheres über diese Organisation
sagen? Ist sie eine politische Partei oder
eine religiöse Gemeinschaft oder...
Bergman: Der Gush Emunim ist
bewusst wie eine politische Partei aufgezogen
worden. Er geht aber keine Koalitionen ein -
hoffentlich wissen alle Anwesenden, dass in
Israel nie in den über 40 Jahren seines
Bestehens die Alleinregierung einer Partei
möglich gewesen ist, so dass stets
Koalitionen erforderlich waren, und zwar oft
sehr komplizierte und brüchige. Dies ist
ein Bestandteil der israelischen
Wirklichkeit. Der ultranationalistische Rabbi
Meir Kahane hat seine Kach-Bewegung als
politische Partei aufgebaut, die sich
entsprechend klar bekämpfen liess. Der
Gush Emunim geht da viel, viel listiger vor.
Diese Leute organisieren sich in Zellen und
Gruppen und indirekt in anderen Parteien.
Rabbiner Zwi Yehuda Kook mit seiner
Yeshiva Merkasarah-Schule gehört zu den
Ideologen der Bewegung. Er ist Mitglied der
National-religiösen Partei, der am
solidesten etablierten unter den
religiösen Parteien. Dies zeigt, dass
der Gush Emunim freien Zugang zu dieser
Partei hat. Viel mehr arbeitet er freilich
ausserparlamentarisch, in den Siedlungen, und
in Gruppen, welche schwer erhältliche
Schriften verbreiten. Sie werden nur selten
übersetzt. Vielleicht übersetzt
einmal Os wer Shalom etwas davon und macht
sich so verdient, doch die Schriften sind nur
für den internen Gebrauch bestimmt. Man
kann die Art und Weise, wie der Gush Emunim
arbeitet, also mit einem Zellsystem
vergleichen.
Adv. F: Was heisst "Gush
Emunim"?
Bergman: Block der Getreuen. Schon
der Name sagt also, dass es sich um
Gläubige handelt. Wir haben es folglich
eindeutig mit einer religiös-en Gruppe
zu tun. Sie denkt interessanterweise in
geschichtlichen Phasen, und auf diesem Denken
fusst ihre Politik. Für den Gush Emunim
befinden wir uns heute in der messianischen
Phase, in einer Art Endzeit, die ihre
Schatten vorauswirft. Dies heisst konkret,
dass manche Regeln ausser Kraft gesetzt und
durch andere, messianische Regeln ersetzt
werden können. Solch ein messianisches
Schema liegt dem Denken und Handeln der
Bewegung zugrunde. Aufschlussreicher-weise
können der Gush Emunim und
nichtreligiöse Juden in der
gegenwärtigen Phase aber sehr gut
zusammenarbeiten.
Die Bewegung verfügt also auf eine
grosse Ausstrahlungskraft nach aussen und
nicht nur nach innen; beispielsweise wirkt er
auf religiöse Schulen ein. Für sie
ist es ein Ding der
Selbstverständlichkeit, dass sie
motiviert und einsatzbereit sind und dass sie
alles vom Standpunkt der Halacha aus deuten.
Zugleich fügen sie sich aber in ein
recht breitgestricktes Muster ein.
Natürlich kann ich diese äusserst
schwer zu fassende Bewegung hier nur grob
skizzieren. Doch sind sich sämtliche
Spezialisten darüber einig, dass der
Block eine der wichtigsten Kräfte im
heutigen Israel darstellt.
Darum ist es von folgenschwerer Bedeutung,
wenn er Bestimmungen über den
"religiösen Grunderwerb" zugunsten des
Judenstaates Israel durchsetzt. Rabbi Zwi
Yehuda Koch machte vor den Wahlen des Jahres
1974 einen öffentlichen Ausspruch. Es
war der Zeitpunkt, wo sich der Block
offiziell konstituierte. Er zitierte Josua
4:24: Damit alle Völker auf Erden
erkennen... Dies reicht schon.
Der Zusammenhang geht aus Josua 4 hervor:
Dieses Land gehört vollständig und
absolut uns, den Juden. Es darf nicht einmal
teilweise an andere abgetreten werden. Es ist
ein Erbe, dass unsere Altvorderen uns
hinterlassen haben ...Und nun kommt das
Schlüsselwort "an unseren Stammvater
Abraham" mit Hinweis auf das erste Buch Mose
13:15: Denn all das Land, das du siehst, will
ich dir und deinen Nachkommen geben für
alle Zeit.
Es folgen andere Zitate, in denen Gott
sein Versprechen bekräftigt. Demnach ist
die Landnahme in Palästina religiös
gerechtfertigt. Da ist die Folgerung nur
logisch: "Unter diesen Umständen ist es
ein für alle Male klar und
unumstösslich, dass es kein arabisches
Territorium und keinen arabischen Boden hier
gibt, sondern ausschliesslich Israels
Land."
Man beachte die normative Deutung, die
sich auf in der Genesis, dem 2. Buch Moses,
geschilderte, vor 4000 Jahren geschehene
Ereignisse bezieht. Dieses
Argumentationsmuster ist sehr einfach
gestrickt. Es ist weder raffinierter noch
weniger raffiniert als dasjenige Ahmed Ramis
in seinem Buch. "Das ewige Erbe." Was
hätte übrigens "arabisches
Territorium" in der Sprache der Genesis wohl
geheissen?
Man jongliert hier mit Worten. Es geht nur
darum, ein System von Regeln aufzubauen und
diese dann auf die gegenwärtige Lage
anzupassen. "Das ewige Erbe unserer Ahnen,
das andere in ihren Besitz genommen haben und
auf dem sie ohne unsere Erlaubnis und in
unserer Abwesenheit gebaut haben."
Man stelle sich vor, welche Frechheit! Man
hat ohne Israels Erlaubnis dort gewohnt und
gebaut! Ohne die Erlaubnis eines Staates, der
erst 1948 ins Leben gerufen wurde. Es war ja
ein wenig schwierig, in der Zwischenzeit
diese Erlaubnis zu erhalten... Was antwortet
man darauf? "Aber unser Bewusstsein war doch
stets mit diesem Land verknüpft und aufs
heftigste dagegen protestiert, dass es
grausam und willkürlich von anderen
besetzt wurde."
Wer waren denn die anderen, die
Palästina grausam und willkürlich
besetzt haben? Die Kreuzritter? Sprach Rabbi
Kook vielleicht von denen? Ich glaube es
kaum. Er sagt wohlweislich nicht, die Juden
hätten immer dort gewohnt. Hinter seinem
Schweigen verbirgt sich die Frage nach der
Kontinuität der jüdischen
Besiedlung des Landes. Von einer wie grossen
Bevölkerung muss man denn ausgehen, um
vernünftigerweise von einer
Kontinuität in der Bewohnung oder
Besiedlung sprechen zu können?
Ich kann da nur auf einen Kollegen von mir
verweisen, einen nun emeritierten Professor
von der Hebrew University. Er heisst Safrai
und ist auf die Periode des Zweiten Tempels
spezialisiert, also auf die Jahrhunderte um
die Zeitenwende. Ich war einmal bei ihm
daheim und feierte Haluka. Das Gespräch
kam auf die "Samariter" (Palästinenser).
Er hatte mit ihnen ungünstige
Erfahrungen gesammelt. Er hielt sie für
schlechte und dumme Menschen. Einige von
ihnen waren seine Schüler gewesen. Er
war kein Freund der Samariter. Doch er sagte
mit Tränen in den Augen: Sie haben
etwas, das uns gebricht, denn sie können
auf einen fortdauernden Aufenthalt in diesem
Land zurückblicken.
Safrai ist Zionist und Historiker. Denken
wir an den berühmten jüdischen
Geschichtsforscher Maimonides, der auch der
zweite Moses genannt wird. Er liess sich
zuerst in Nordafrika nieder, fuhr aber dann
weiter und gelangte nach Jerusalem. Dort
blieb er aber nicht, sondern kehrte wieder
um. Später wurde er Leibarzt des
islamischen Herrschers in Kairo. Was wir vom
Jerusalem seiner Zeit erfahren, deutet
keineswegs auf ein besonders reges
jüdisches Leben hin.
Adv. F: Wann war das?
Bergman: Um l100. Es besteht kein
Zweifel daran, dass die Palästinenser
weitaus länger ununterbrochen im Lande
leben als die Juden. Man beachte, dass die
Juden sagen: "Ihr habt hier ohne unsere
Erlaubnis und in unserer Abwesenheit gewohnt
und gebaut. Wir haben aber niemals auf das
Erbe unserer Väter verzichtet und nie
das Band damit zerrissen. Unser Bewusstsein
war stets mit mit diesem Lande
verknüpft, und wir haben stets dagegen
protestiert, dass es grausam und
willkürlich von anderen besetzt wurde."
Aber diejenigen, die da "protestierten" und
deren Bewusstsein "stets mit diesem Lande
verknüpft" war, lebten nicht in
Palästina!...
Weiter heisst es: "Dementsprechend haben
wir (also die Juden) den Befehl erhalten, das
Land zu befreien. Wir werden es niemals
aufgeben oder unsere Bande damit zerreissen.
Auch in der mündlichen
Über-lieferung der Araber und in ihrem
Koran steht, dass wir gegen das Ende unserer
Tage ins Land unserer Ahnen zurückkehren
werden ... Wir haben den Arabern die
Oberhoheit über dieses Land keineswegs
entrissen, denn sie besassen keine. Vielmehr
haben wir unser Land wiederaufgebaut, nachdem
die Herrschaft einer fremden Macht geendet
hatte, die es zeitweilig mit dem
Einverständnis und im Auftrag des
Völkerbundes regiert hatte."
Hier wird also behauptet, die Völker
hätten mittels des Völkerbundes das
Land innerhalb der biblischen Grenzen dem
Judenstaat Israel gegeben. Dies ist
natürlich Geschichtsklitterung.
"Dank ihrer kultur-ellen
Aufgeklärtheit anerkannten sie
öffentlich die Rechtmässigkeit
unserer Oberhoheit über das Land. Die
Araber, die im Land geboren sind, anerkennen
die unbestreitbare Tatsache gleichfalls, dass
wir ihnen niemals irgendwelche
Regierungsgewalt weggenommen haben; dies wird
ja auch in einem Dokument eingeräumt,
das sich in meinem Besitz befindet."
Wer der Autor dieses Dokuments sein soll,
verrät der Gush-Emunim-Mann allerdings
nicht. "Es ist allgemein bekannt, dass dass
wir die Araber nicht von ihren
Wohnstätten im Lande unserer Väter
verjagt haben, dem Land unserer
Prophezeiungen und Propheten, unseres
Königreichs und unserer Könige, dem
Sitz unseres heiligen Tempels und dem
Brennpunkt unseres Einflusses auf die gesamte
Menschheit. Nein, aus eigenem Willen,
aufgrund übertriebener Furcht oder
selbstverursachter Verwirrung oder einem
politischen Plan folgend, um ein verzerrtes
Bild zu verbreiten, indem sie
"Flüchtlingslager" schufen, um die
Sympathien der Welt nah und fern zu
erschleichen, flohen sie aus ihren Siedlungen
und übergaben sie."
Dies ist eine der umstrittensten Fragen,
denn ganz unbestreitbar gibt es
Tonbandaufnahmen, die beweisen, dass man die
Araber von ihren Wohnsitzen vertrieb. Sie
gingen durchaus nicht freiwillig. Interessant
ist hier ein Motiv, das Krister Stendahl
mehrfach gestreift hat, im Zusammenhang mit
dem, was Ahmed Rami über diese
"Verwirrung" schrieb. Es liegt doch etwas
Mystisches darin, dass "es geht, wie wir
wollen, es ist Gottes Wille, und Gott hat
irgendwie eingegriffen und Verwirrung bei den
Menschen gestiftet." "Wir andererseits bauen
weiterhin auf die schreckeinflössenden
Wunder des Herrn."
Nicht nur während des sogenannten
"Befreiungskampfes" von 1947 oder 1948,
sondern auch anschliessend ging es ohne die
"schreck-einflössenden Wunder des Herrn"
nicht ab. In welcher Form sich der Schrecken
des Herrn auf der Westbank und im
Gazastreifen bei den Palästinensern
offenbart, lässt sich unschwer
erraten.
"Er, der von seinem Tempel aus seinem
Volke Kraft und Mut verleiht, gesegnet sei
der Herr bei der heiligen Arbeit, unsere
Nation und unser Heimatland aufzubauen,
unsere Torah und unsere moralische Kultur in
einem Reich der Gerechtigkeit, um die ewigen
Werte wieder zur Geltung zu bringen, die in
unserer nationalen Identität
verkörpert sind und für die
Wiederaufrichtung von Gottes Gegenwart und
Israels in Zion."
Der Text schliesst mit Zitaten aus dem
Buch der Psalter. Zunächst Psalm 46:12:
Der Herr Zebaoth ist mit uns, der Gott Jakobs
ist unser Schutz. Es folgt Psalm 80, Verse 19
und 20: So wollen wir nicht von dir weichen.
Lass uns leben, so wollen wir deinen Namen
anrufen. Herr, Gott Zebaoth, tröste uns
wieder, lass leuchten dein Angesicht.
Unterzeichnet ist das Ganze wie
erwähnt von Rabbi Zwi Yehuda Ha'cohen
Kook, dem Sohn des verschiedenen Rabbis
Abraham Yitzhak Ha'cohen Kook, des ersten
Oberrabbiners im heiligen Lande zu Jerusalem.
Publiziert wurde es am 13. 12. 1973 in der
israelischen Zeitung Ha'aretz und am 5. 1.
1974 in der Jerusalem Post.
Adv. F: Sie halten also die von
jenem Rabbi vertretene Bewegung, den Gush
Emunim, für eine der einflussreichsten
Kräfte im modernen Israel? Stimmt
das?
Bergman: Jawohl. Und ich glaube,
dass diese Meinung durch die Arbeit Os wer
Shaloms gedeckt wird, die sich in erster
Linie gegen den Gush Emunim richtet ... In
der früheren Koalitionsregierung vor den
letzten Wahlen war Druckmann
Erziehungsminister. Er gehört dem Gush
Emunim an. Letzterer ist keine Partei, wie
ich schon gesagt habe. Druckmann gehört
zu den sechs oder sieben Ideologen der
Bewegung in Israel. Er sass aber als
Repräsentant der nationalreligiösen
Partei im Parlament.
Adv. F: Sie haben nun diverse
Beispiele für Tendenzen im Staate Israel
angeführt, Bibelzitate ergreifend
einfach zu interpretieren. Damit wollten Sie
die heutige Lage beleuchten. Handelt es sich
da um Randerscheinungen in der modernen
israelischen Gesellschaft? Huldigen nur
extremistische Wirrköpfe diesem
Spiel?
Bergman: Die Gush-Emunim-Bewegung
ist alles andere als eine Randerscheinung,
sondern eben eine der einflussreichsten
Kräfte des Landes. Sie wirken ja auch
auf der weltlichen Ebene. Wie bereits von mir
hervorgehoben, hat man es hier mit einer
Verbindung verschieden-er Kräfte zu tun.
Einerseits liegt eine bestimmte,
religiös geprägte Sicht der nahen
Zukunft vor: Man erwartet das messianische
Zeitalter.
Dies heisst nicht unbedingt, dass man auf
einen fleischgewordenen Messias wartet,
sondern vielleicht einfach, dass man einer
messian-ischen, von Transzendenz
erfüllten Zeit entgegengeht. Dies ist
mehr, als man mit irdischen Mitteln bewirken
kann, und man muss auch feststellen, dass
solche messianischen Zeitpläne und
Erwartungs-haltungen oft in eine kriegerische
Zeit fallen. Eine sehr kriegerische Zeit,
eine Zeit der Waffen und des Kampfs. Gog und
Magog usw. spielen eine wichtige Rolle, also
Vorstellungen aus der Apokalypse.
Als apokalyptisch kann man die Anschauung
bezeichnen, dass die letzte Zeit naht und
dass sie von besonders intensiver
Tätigkeit auf allen Gebieten
gekennzeichnet ist. Alle Proportionen
wachsen. Das Weisse wird weisser, das
Schwarze schwärzer. Die Dualitäten,
die Spannung, der Widerstand und damit die
Dämonisierung nehmen unter dieser
Perspektive zu. Das Modell des Gush Emunim
ist nur einen oder zwei Schritte vom wahrhaft
Militanten entfernt. Diese eins oder zwei
Schritte kann er jederzeit
zurücklegen.
Dann vollendet sich das Kommende.
Dafür gibt es eine Reihe von
Ausdrücken, und der Gush Emunim kennt
teils leicht divergierende Muster, die mit
der Gestalt des Messias Ben Yosef und
derjenigen des Messias Ben Davido
zusammenhängen. Was ich festhalten
möchte, ist folgendes: Indem man sein
Leben nach Schemata einrichtet, verschafft
man sich eine Sonderstellung in der
Geschichte und kann diese auf ganz bestimmte
Weise beeinflussen. Man prägt die
Endzeit mit. All diese Voraussetzungen lassen
die Amalek- und Heremzitate in noch grellerem
Lichte erscheinen.
Adv. F: Werfen wir nun einen Blick
auf die Bibelzitate, die in Ramis Programmen
und seinem Buch vorkommen. Ich nehme an, dass
Sie diese Stellen besonders studiert haben.
Nun meine Frage: Sind diese Zitate für
den Zusammenhang, in welchem sie stehen,
repräsentativ, oder sind sie aus dem
Zusammenhang gerissen, so dass ihre Aussage
verzerrt ist?
Bergman: Ich würde sagen, es
liegt hier ein repräsentatives Beispiel
für den Umgang mit Bibelzitaten vor.
Ahmed Ramis Auswahl unterscheidet sich gar
nicht so sehr von Schlüsselstellen, die
beispiels-weise von dem Gush Emunim mit
Vorliebe zitiert werden. Ich glaube nicht,
dass er sie verzerrend aus dem Zusammenhang
gerissen hat. Man kann natürlich
einwenden, dass er keine wirkliche Exegese
vornimmt. Aber das tun auch die militanten
Rabbiner in diesem Zusammenhang nicht.
Aus diesem Grund habe ich ein so langes
Stück aus dem Text des Rabbi Zwi Kook
vorgelesen. Er reiht Stellen aneinander... Er
unternimmt keine Exegese. Ich glaube auch
nicht, dass man das verlangen kann. In einer
Streitschrift oder gepfefferten Polemik ist
man nicht dazu verpflichtet. Die Wirkung der
Worte ist ungefähr die gleiche wie bei
jenen Gruppen in Israel, von denen ich
bereits gesprochen habe.
Wir sollten uns auch daran erinnern, dass
es heute eine Bewegung gibt, die sich Tushova
nennt, die Erweckungsbewegung. Grosse Gruppen
von unreligiösen Juden in Israel
bekehren sich und werden unbedingt bibeltreu.
Sie gehen bei oft noch sehr jungen Rabbinern
in die Lehre, und sie haben von ihrer
Ausbildung und ihrem früheren Lebensstil
her einer solchen einseitigen Auslegung
nichts entgegenzusetzen. Darüber gibt es
viele Studien.
Janet Aviad hat beispielsweise an der
Hebräischen Universität Jerusalem
eine gute Studie über die Tushova
verfasst. Der Ausdruck kommt vom Verbum
"shov", "umkehren". Im vorliegenden Falle
kehren die Abtrünnigen ins Mutterhaus
zurück, zu ihrem authentischen
jüdischen Hintergrund, zu ihren
Wurzeln.
Es besteht nicht der leiseste Zweifel
daran, dass die mit all dem Gesagten
zusammenhängenden Probleme mit dem
zusammenhängen, was sie heute auf der
Westbank tut und was unter den
Palästinensern so viele Opfer
fordert.
Was tust du, wenn du schwach bist, und was
tust du, wenn du stark bist? Diese beiden
Fragen können auch auf das Judentum
bezogen werden. Es gab Zeitabschnitte, wo die
Juden sehr schwach waren. Damals bestand ihre
einzige Möglichkeit, sich zu
rächen, darin, dass sie sich eine
fiktive Welt ausdachten, in der ihre
Unterdrücker dämonisiert wurden und
man das ganze Register der Mythen spielen
liess, weil man keine Macht und keine Waffen
hatte. Dies spiegelt sich an vielen Stellen
des Talmud wieder, die man natürlich mit
den Umständen erklären kann, unter
denen die Juden während verschiedener
Perioden lebten. Da galt es hervorzuheben,
was es hiess, Gottes eigenes Volk zu sein.
Wenn man klein ist, so gefährden solche
Ideen niemanden.
Wir alle kennen die Geschichte von David
und Goliath. David konnte nur überleben,
indem er den Bund einhielt, dem Glauben
gegenüber loyal blieb und alle Mitzwot,
Gebote und Verbote, streng beachtete. Und
allmählich wollte David mehr als nur
überleben.
Doch was tut man, wenn man stark wird? Was
tut ein starkes auserwähltes Volk? Da
ist die Lage für die anderen schon
heikler. Wie verhält man sich in einer
Lage, wo man, anders als früher im
Prager Ghetto, Waffen hat? Damals, im Ghetto,
war man waffenlos. Heute ist man
schwerbewaffnet. Was tut man mit der
Religion, wenn man stark ist? Sind heutzutage
nicht die Palästinenser die
Schwachen?
Adv. F: Wir haben uns über das
Spannungsverhältnis zwischen Politik und
Religion unterhalten. Ist es hinsichtlich der
drei grossen mono-theistischen Religionen,
und insbesondere hinsichtlich des Judentums,
möglich, eine klare Trennung zwischen
Glaubensauffassungen einer-seits und
politischer Ideologie andererseits
vorzunehmen?
Bergman: Ich gehe da mit Krister
Stendahl einig, der zuvor gesagt hat, die
klare Scheidung von Religion und Politik sei
grossenteils eine Folge der
Säkularisierung im Westen. Etwas, das
für den Westen typisch, für den
Nahen Osten aber gleichermassen fremd
ist.
Adv. F: Gilt dies auch für das
Judentum?
Bergman: Ja. Aber hier müssen
wir einen Schritt weitergehen und uns der
Frage zuwenden, wie der Judenstaat entstanden
ist und wie er sich zusammensetzt. Im Nahen
Osten ist das Verhältnis zwischen
Religion und Politik für einen Muslim,
einen Juden und einen orientalischen Christen
im grossen und ganzen dasselbe. Das Leben
unterliegt einer geschlossenen
Weltanschauung, und da berührt die
Religion Justiz und Wirtschaft fast ebenso
stark wie die tägliche Verrichtung der
Gebete oder den Gang zu Moschee, Synagoge
oder Kirche. Doch worauf ich hinauswill, ist
folgendes: Was den Zionismus anbelangt, so
ist dieser ganz offensichtlich eine nationale
Bewegung, entsprechend anderen Nationalismen
wie dem deutschen, dem französischen,
dem russischen usw.
In den Augen radikaler deutscher
Nationalisten war ein Jude kein Deutscher und
konnte gar kein solcher sein. Zu einer
solchen Epoche wuchs der Zionismus heran.
Daraus ergibt sich, dass der Zionismus in
seiner Ausgangslage sicherlich mit westlichen
Massstäben beurteilt werden kann und
auch soll.
In den dreissiger Jahren wurde der
Weltzionismus die einzige jüdische
Alternative. Versetzen wir uns ins heutige
Israel, so ist es klar, dass, wenn der
Zionismus ein repräsentatives System
sein soll und gleichzeitig das orientalische
Lebensmuster durchschlägt, eine
Trenn-linie zwischen Religion und Politik
nicht zu ziehen ist. Doch was die westlich
geschulten Juden betrifft, so kann man
selbstredend nicht viel von ihrem Handeln
begreifen, wenn man sie nicht nach den
Massstäben jener Gesellschaften und
Schichten misst, aus denen sie stammen.
Es ist eine offenkundige Tatsache, dass
eines der grossen Probleme - das teilweise
parallel zu der Kluft zwischen Aschkenasen
und Sepharden, verläuft - die Spannungen
in der israelischen Gesellschaft sind, welche
sich aus der verschiedenartigen Sicht der
Religion und der verschiedenartigen
Definition des Begriffs Jude ergeben.
Adv. F: Wenn ich zusammenfassen
darf: Sie vertreten den Standpunkt, dass man
bei der Betrachtung des Zionismus im Staate
Israel nicht zwischen Religion und Politik
trennen kann?
Bergman: Aufgrund der heute
obwaltenden Bedingungen ist die Tendenz ein
Erstarken des Fundamentalismus. Diese Tendenz
kann in Israel, in der islamischen Welt und
auch in Teilen der christlichen Welt
beobachtet werden. Da ist es natürlich
noch viel unmöglicher, eine saubere
Scheidelinie ziehen zu wollen und zu sagen,
das ist keine Religion, das muss also Politik
sein.
Adv. Folke: Nun möchte ich Sie
zu einem anderen Thema befragen. Es geht um
die Religionskritik. Was für ein
Wissenschaftszweig ist das?
Bergman: Als wissenschaftlicher
Zweig kennt die Religionskritik keine
Grenzen. Hier ein Modell aufstellen zu
wollen, demzufolge die aufge-stellten
Theorien mit den Überzeugungen eines
Gläubigen überein-stimmen
müssten, wäre ganz unsinnig.
Religionskritik kann, und das ist der
entscheidende Punkt, von innen oder von
aussen kommen. Aus religionskritischer
Perspektive kann man nicht sagen, das "Recht
zur Deutung" sei dem Anhänger des
betreffenden Glaubens vorbehalten. Letzterer
hat nicht einmal den Vortritt. Die
Religionskritik arbeitet mit historischen,
soziologischen, philosophischen usw.
Methoden, aber eben stets kritisch.
Als Ausdrucksform einer solchen Kritik
muss man auch Ramis Buch auffassen... Ich
sehe keinen Unterschied zwischen den
beanstandeten Radioprogrammen und dem
Buch.
Wenn man dieses Buch als Religionskritik
auffasst und sagt, ihm zufolge werde Israel
heutzutage in bedenklichem Masse von einer
simplen Anwendung biblischer Rezepte auf die
Gegenwart geprägt, welche Waffen
heiligten und selbst die Tötung von
Zivilisten bejahe, dann hat man ja allen
Grund, solche Religionskritik zu
betreiben.
Ob sie gerade in dieser Form geschehen
muss, darüber kann man ja diskutieren.
Früher gab es den
Gotteslästerungsparagraphen. Wenn Sie
mich wie Krister Stendahl fragen würden,
ist es gut, dass man in Schweden keinen
solchen Paragraphen mehr hat, wie er in
Norwegen oder England nur zum Schutz der
christlichen Religion weiterhin existiert, so
würde ich sagen, ja. Sonst wird alles so
kompliziert.
Ein Prozess wie der hiesige bestärkt
mich in meiner Auffassung, dass es nicht die
Aufgabe der Justiz ist, Religionskritik und
Schmähung einer Religion sowie mehr oder
weniger literarische Werke und ihren Inhalt
zu ahnden. In einer freien Gesellschaft muss
man diese Dinge anders bewältigen
können.
Adv. F: Ich möchte nun Ihre
Meinung zu einer Äusserung erfahren, die
in einer der Radiosendungen fiel. In der
Anzeige vom 20. März 1989, in der es um
eine Reihe verschiedener Äusserungen aus
verschiedenen Sendungen ging, wird unter
Punkt 6 die in den beanstandeten Texten
genannte Hypothese erwähnt, es gebe
einen Zusammenhang zwischen der
jüdischen Religion auf der einen und
weltlichen Strömungen wie der
Psychoanalyse und dem Marxismus auf der
anderen Seite. Eine solche Hypothese kann
richtig oder falsch sein. Meine Frage an Sie
lautet: Ist es eine vernünftige
Forschungsaufgabe, den Zusammenhang zwischen
der Religion und weltlichen Strömungen
zu untersuchen? Gibt es heutzutage solche
Untersuchungen?
Bergman: Aber gewiss, in
allerhöchstem Grade. Das neueste
Forschungsgebiet, das wir an der
theologischen Fakultät haben, ist die
sogenannte Religionsverhaltenswissenschaft.
Da sind Fächer wie z.B. Psychologie,
Soziologie und Pädagogik vertreten.
Adv. F:
Religionsverhaltenswissenschaft?
Bergman: Zugegebenermassen ein
schwerfälliges Wort, das aber doch klar
zeigt, worum es geht, nämlich um die
Beziehungen zwischen Gesellschaft, Gruppen-
oder Individualpsychologie einerseits und der
Religion andererseits.
Adv. F: Man stellt sich also die
wissenschaftliche Aufgabe, solche
Zusammenhänge zu erhellen?
Bergman: Richtig. Die Judenbibel (das Alte
Testament), der Talmud und die "christliche
Botschaft". - Man muss Zivilisten töten!
Du sollst die besten töten!
Adv. F: Gibt es heute im
Christentum Gruppen, die sich auch eine so
direkte Deutung der Bibeltexte zu eigen
machen wie Rami?
Bergman: Bei bibeltreuen oder
fundamentalistischen christlichen Gruppen ist
es ja üblich, Bibelstellen direkt auf
das Alltagsleben zu beziehen, so wie es Rami
tut, wie es der Gush Emunim tut und wie die
jüngere Rabbinergeneration die
betreffenden Stellen heute interpretiert. Ich
will nicht auf Einzelheiten eingehen, doch
die "christliche Botschaft in Jerusalem" und
einige ihr angeschlossene Strömungen
sind meiner Ansicht nach die deutlichste Form
christlicher Unterstützung für eine
harte israelische Palästinapolitik.
Was ist diese "christliche Botschaft"? Als
man Jerusalem 1977 zur "ewigen Hauptstadt
Israels" erklärte, meinten
prozionistische,
protestantisch-fundamentalistische Gruppen in
verschiedenen Ländern, ihre Regierungen
sollten offiziell positiv darauf reagieren
und ihre Botschaften nach Jerusalem verlegen.
Nur zwei Staaten haben dies allerdings auch
getan. Da organisierten sich verschiedene
christliche Gruppen - ausserhalb Amerikas
besonders in Schweden, wo beispielsweise die
Brüder Sjöberg behaupteten, sie
repräsentierten dreieinhalb Millionen
schwedische Christen, was eine gelinde gesagt
zweifelhafte Ausssage war - und gaben zu,
dass sie sich nun politisch und nicht
religiös engagierten.
Teddy Kollek, der jüdische
Bürgermeister Jerusalems, empfing sie
und erklärte: "Ihr seid wahre Christen",
womit er ihr Engagement rein religiös
deutete. Dies ist nur ein Beispiel unter
vielen dafür, wie schwer Politik und
Religion in vielen Fällen zu
unterscheiden sind. Es gibt eben
Gruppierungen, die eine einfache Anwendung
von Bibelworten propagieren und Israel mit
Schlagworten wie "Wer Israel segnet, ist
gesegnet; wer Israel verflucht, ist
verflucht" verteidigen...
Adv. F: Sie haben eine
Broschüre erwähnt, die vom
israelischen Verteidigungsministerium
herausgegeben worden ist. Darin stand ein
Aufsatz des Armeegenerals Avidan. Sie lasen
daraus eine Passage vor, in der Bezug auf die
Tosafoth genommen wird, eine Ergänzung
zum babylonischen Talmud. Darin sagt Avidan:
"Es erweist sich, dass israelische Truppen,
die den Feind angreifen, laut den Geboten der
Tosafoth und dem halachischen Gesetz auch
Zivilisten umbringen müssen, die sich
unterwerfen oder, in anderen Worten, sich
anständig verhalten." Die Zitate "Du
sollst die besten unter den Heiden
töten" und "keiner soll sich darauf
verlassen, dass ein Heide unseren Truppen