RADIO ISLAM
Bücher von Ahmed Rami:
Die Macht der Zionisten
Ein moderner Hexenprozess

AHMED RAMI
Ahmed Rami

Ein Leben für Freiheit
Eine Selbstbiographie
Deutsche Übersetzung: Jürgen Graf
Kultur Verlag, Box 316, 101 26 Stockholm.
Ahmed Rami (Email ) is the founder of the Radio station Radio Islam
Address: Box
316, 10126 Stockholm, Sweden. Phone: +46 708 121240


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Vorwort

Ahmed Rami lernte ich im Hause des damals zweiundachzigjährigen Generalmajors Otto Ernst Remer in dessen andalusischem Exil in Marbella kennen.

Die respektvolle Freundschaft die die beiden so unterschiedlichen Männer verband, schien auf den ersten Blick widersprüchlich: Hier der hühnenhafte, betagte deutsche Weltkriegsoffizier, hochdekoriert (Ritterkreuz zum Eichenlaub, 11 mal verwundet, 48 Nahkampftage), da derjunge ehemalige Panzerleutnant der marokkanischen Armee.

Hier der deutsche Berufssoldat, in preußischer Tradition erzogen, der einstens einen Putsch gegen sein Staatsoberhaupt Adolf Hitler niederschlug (20. Juli 1944), - da der ehemalige Panzerleutnant Ahmed Rami, Sohn eines stolzen und bettelarmen Berber - Scheichs (eine Kuh und vier Schafe), der alsjunger Offiziert seinem Staatsoberhaupt, dem König Hassan von Marokko - wie einst der Tell dem Landvogt - nach dem Leben trachtete.

Bei näherer Betrachtung aber fand ich heraus, dass die beiden so verschieden scheinenden Persönlichkeiten einander auf seltsame Weise ähnelten: Beide waren sie unbestechliche Idealisten, verständnislos für die materiellen Spielregel der " westlichen Wertegemeinschaft". Gefeit also gegen alle Versuchung. Ritterlich und allzeit bereit dem Guten zu dienen wie dereinst jener Don Quichote. Und bereit ihr Leben für die Sache ihres Volkes einzusetzen.

Ein fester Ehrbegriff war für das Handeln beider bestimmend. Beide wollten sie ihrem Volke dienen. Der eine 1944, der andere 1972. Remer war sich am 20 Juli 1944 gewiß, daß die überwiegende Mehrheit des deutschen Volkes hinter Hitler stand. Das Regime also legitimiert wart.

Ahmed Rami war 1972 der Überzeugung, in dem König von Marokko eine Marionette der französischen Kolonialmacht und der CIA vorzufinden, die ein schamloses Gewaltregime gegen den Willen seines Volkes ausübe. Die Staatsmacht also illegitim sei.

So verteidigte der eine sein Staatsoberhaupt als dieses angegriffen wurde und der andere griff sein Staatsoberhaupt, zu dessen Verteidigung er bestellt war, an. Und doch agierten beide aus demselben Bewegrund Der Vaterlandsliebe!

So sei dies die erste von zwei Botschaften, dieses Buches:

Es gibt Umstände, die einen Soldaten von der Treuepflicht zum Staatsoberhaupt entbinden und die ihn im Gegenteil sogar dazu verpflichten, sich gegen dasselbe aufzulehnen.

Denn der Soldat ist, wie jeder andere Bürger auch, zuerst dem Volke (Volksherrschaft/Demokratie) verpflichtet. Und damit natürlich auch der Executiven Macht des Staates, solange diese Macht vom Souverän, also vom Volke ihre Legitimation erhält.

Wenn sich allerdings die Regierung gegen das Volk stellt, wird für jedermann, für den Soldaten aber zuerst, der Widerstand zur Pflicht.

Denn wo immer ein Regime zum Schaden seines Volkes handelt, etwa dessen Herrschaft durch List und Täuschung verhindert, seinen Nutzen zu mindern sucht, es gar der Exclusivität seines Territoriums berauben oder es mit anderen Mittel vernichten will, ist die Bundeswehr des betreffenden Landes zum Widerstand gegen eine solche Bundesregierung verpflichtet. Ein derartiges Verbrecherregime, wenn es dieses denn wirklich gäbe, muß durch hartes Zupacken des Militärs festgesetzt und vor Gericht gestellt werden.

Und dies sei die zweite Botschaft dieses Buches:

In einer Zeit, da die amerikanische Weltordnung dem Selbstbestimmungsrecht der Völker weltweit den Krieg erklärt hat und mittels seines Geldsystems, seines Pressetrust den Völkern Afrikas, Europas und Asiens die Angleichung der Staatsgrenzen an die Volksgrenzen verweigert, müssen wir Deutsche erkennen: Wir können uns nicht mehr selbst befreien: Der globalen Bedrohung der Nationen und der Demokratien (Volksherrschaften) kann nur global entgegengetreten werden.

Das Recht der Albaner, der Tibetaner, der Hutus, Tutzis, der Apatschen, der Innuits, der Aborigines, der Kurden, der Armenier, der Buren, der Bantus, der Kroaten und Serben Bosniens und der Palästinenser müssen wir zu unserer eigenen, der deutschen Sache machen. Und die Fremden werden als unsere natürlichen Verbündeten, dann auch die deutsche Sache mit auch als die ihre erkennen.

Niemals sind Hass, Gewalt und ethnische Säuberung durch die Gewährung des Selbstbestimmungsrechtes entstanden sondern immer durch dessen Verweigerung.

Verantwortlich für diesen totalen hundertjährigen Krieg gegen Selbstbestimmung und Volksherrschaft ist das Amerikanische Imperium, (gemeint ist die Ostküste), das mit seinem perfiden Einparteiensystem nicht nur das eigene Volk unterdrückt sondern durch die Steuerung der Geldströme, mit Hilfie seines Mediennetzes und seiner Interventionstruppen eine tödliche Gefahr für die Ethnien und deren Demokratien in der Welt darstellt.

Diese Gefahr, da sie von ihrer Natur her eine globale ist, kann daher auch nur global besiegt werden:

Der Weiße Mann, der Schwarze Mann , der Gelbe Mann und der Rote Mann müssen sich weltweit verbünden gegen die Herrschaft des Geldes!

Was immer ab nun geschieht - uns alle geht es an.

Ein Bürgerrechtskämpfer und Deutschenfreund aus den Steinwüsten des Atlasgebirges, der für das Selbstbestimmungsrecht der Palästinenser ebenso eintritt, wie für die Meinungsfreiheit in Deutschland soll unser Lehrmeister sein, wenn es ans Schmieden des welt weiten -Rassen- und Religionen- überschreitenden Paktes wider die Globalisierungstäter geht.

Er, der seine Stimme immer wieder für die politischen Gefangenen und Verfolgten erhoben hat, für Faurrisson, für Remer, für Walendy, für Deckert, für Kemper, für Lachout und unzählige andere.

Aber geben wir uns zuerst der Kunst seiner Sprache hin, die einfach und klar ist, wie der Koran selbst. Wie der Quell also, aus dem er sie dereinst als Hirtenkind geschöpft hatte!

Hört an die Geschichte des barfüßigen Knaben, der aus den Schluchten des Atlas kam und um seine Sendung wissend, die Straße nach Casablanca ging um das Lesen zu lernen.

Der aus Elend aufstieg, zum unbestechlichen Freiheitskämpfer und dessen Stimme im Exil zur Hoffnung seines Volkes wurde.

Jetzt sprich mein Freund, Ahmed Rami, Sohn des Scheichs!

Gerd Honsik



 

 


Ahmed Ramis
Idealismus
von Pravda

Ahmed Rami Teilnehmer an zwei
StaatscoupversuchenInterviewt
von Mustapha Tossa


Vorwort des Übersetzers

Ich habe Ahmed Rami im Juni 1993 kennengelernt. Von Anfang an hat mich die Persönlichkeit dieses aussergewöhnlichen Mannes stark in ihren Bann gezogen. So zögerte ich denn keine Sekunde, als eine schwedische Kameradin mit der Bitte an mich herantrat, sein 1989 beim Kultur Förlag in Stockholm erschienenes Buch "Ein Leben für Freiheit" ins Deutsche zu übertragen.

Ohne Kenntnis dieser sehr interessanten Selbstbiographie wäre sein politisches Engagement kaum verständlich. Nicht kühler, distanzierter Objektivismus prägt Ahmed Ramis Werk, sondern leidenschaftliche Parteinahme für die Muslime und Araber.

Heute ist Ahmed Rami eine sehr bekannte Person. Als er, gänzlich auf eigene Faust und ohne die geringste Unterstützung irgendeiner Organ- isation, mit den Sendungen von Radio Islam in Stockholm begann, mögen manche Vertreter der dort ungemein einflussreichen zionist- ischen Lobby über den kleinen Araber gelacht haben. Ihnen dürfte das Lachen inzwischen gründlich vergangen sein. Rami hat als erster in Schweden den Kampf gegen die Arroganz der Lobby aufgenommen.

Allerdings hat seine unzimperliche Kritik an Zielen und Methoden der Zionisten ihn für einige Monate hinter schwedische Gardinen gebracht. Er nutzte die Gelegenheit, um im Gefängnis Seminare mit Gefangenen und Wärtern durchzuführen und Hunderte von Exemplaren seiner Bücher zu verteilen.

Auch künftige Prozesse und die Aussicht auf eventuelle neue Gefängnisstrafen werden diesen Mann schwerlich einschüchtern. Für die unter totaler zionistischer Kontrolle stehenden schwedischen Medien ist Rami längst der Buhmann Nummer eins.

Als er nach dem gescheiterten Putschversuch gegen König Hassan - dieser wäre bei einem Gelingen des Staatsstreichs an die Wand gestellt worden - Zuflucht in Schweden fand, feierte man ihn als heldenhaften Freiheitskämpfer, und Premierminister Olof Palme empfing ihn persönlich.

Seitdem er begonnen hat, die Zionisten zu attackieren, speien die Mediencliquen Gift und Galle gegen ihn. Wer das grosse Tabu unserer Zeit bricht, ist für die Herrschenden offenbar hundertmal gefährlicher als jemand, der Staatsstreiche und die Füsilierung von Monarchen plant.

Die islamischen Gesellschaften, auch jene, die sich wie die iranische ernsthaft um eine eigenständige Politik bemühen, kranken an einem Mangel an gebildeten, mit der westlichen Mentalität, Geschichte und Politik vertrauten Kadern. Sie brauchen, wie Rami meint, dringend Menschen, welche die Verhältnisse des 20. Jahrhunderts mindestens ebenso gut kennen wie jene des siebten. Ihnen kann Ahmed Rami, der in Schweden zu einem politischen Faktor ersten Ranges geworden ist, als Vorbild dienen.

Jahrelang hat er zielbewusst seine Kenntnisse der schwedischen Sprache, der schwedischen politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Landschaft vervollkommnet, ehe er mit seinem Radio Islam an die ™ffentlichkeit trat. Gäbe es in den muslimischen Ländern mehr Menschen seiner Klugheit und Zielstrebigkeit, so wären sie besser dran. Wer den Arabern und Muslimen Gutes für die Zukunft, wer ihnen politische und geistige Unabhängigkeit vom amerikanischen und zionistischen Imperialismus wünscht, muss ihnen recht viele Ahmed Ramis wünschen.

Die Übersetzung und der Druck dieser deutschen Rami-Ausgabe sind dank der Grosszügigkeit einer in Deutschland lebenden Schwedin möglich geworden. Ihr gilt unser herzlicher Dank.

Jürgen Graf



Vorwort des Verfassers

Zu jener Zeit, wo ich als Offizier der Königlichen Streitkräfte regel- mässig hinter die Kulissen der marokkanischen Macht blicken konnte, habe ich die Probleme meines Landes Tag für Tag miterlebt. Und ich war nicht der einzige Zeuge. Von den einfachen Soldaten bis zu den höheren Offizieren waren all jene, die sich noch eine gewisse moral- ische Integrität bewahrt hatten, in Opposition gegen die persönliche Macht Hassans II geraten, nachdem sie die Korruption und Fäulnis seines Regimes selbst entdeckt hatten. Die Militärrevolten, an denen ich mich beteiligte, waren der Ausdruck unserer Empörung in Anbe-tracht der Plünderung der nationalen Reichtümer durch den König und die Parasitenclique, mit der er sich umgab.

Im Gegensatz zu den westlichen Staaten gibt es in Marokko nur wenige Banküberfälle. Ganoven, die etwas auf sich halten, wissen heute, dass der sicherste, schnellste und im Grunde genommen einzige Weg zum Reichtum darin liegt, an der Macht teilzuhaben. Das Feudalsystem, das Hassan II im 20. Jahrhundert weiterführt, hat die allgemeine Korruption zum Regierungssystem erhoben. Er fesselt die herrschenden Eliten an sich, indem er ihnen droht, sie beim geringsten Widerstreben blosszustellen. Durch tausenderlei Verführungen bemüht er sich, wertvolle Persönlichkeiten, welche an sich zur Opposition neigen müssten, zu neutralisieren und sich untertan zu machen.

Das Tyrannenregiment Hassans II beruht auf keinerlei Legitimität. Es kann sich weder auf den Islam berufen (er verbietet die erbliche Monarchie) noch auf die Grundsätze der westlichen Demokratie. "Der König ist der Privilegierteste aller Privilegierten", schrieb der grosse Historiker Taine im letzten Jahrhundert. Diese Formulierung liesse sich heute auf Hassan II anwenden, dessen Regime nur noch den Interessen des Neokolonialismus sowie einer Minderheit von privilegierten Marokkanern dient. Letzere schwelgen in unerhörtem Reichtum, den sie noch nicht einmal durch wirklich produktive Tätigkeit erworben haben. Das Volk nennt sie schlicht und einfach "die Diebeö!

Ahmed Rami

 


(INDEX)

 

Meine Heimat

Auf einem amerikanischen Satellitenphoto ähnelt die Bergkette des Anti-Atlas in Südwestmarokko, wo ich geboren wurde, der Oberfläche des Mondes. Nichts als ungastliche Wüste! Doch ändert sich das Bild, wenn man die Wege entlang fährt, welche sich durch tiefe Täler zwischen den hohen Bergen emporwinden, deren Gipfel bis zu 3000 Meter Höhe erreichen. Wohl sind die oberen Zonen der Berge und der hohen Hügel karg und unfruchtbar; die Wucht der Winde und Regengüsse hat ihre Spur bis weit in die Täler hinab hinterlassen, doch an beiden Seiten der Wege erkennt der Besucher, dass er ein uraltes Landwirtschaftsgebiet durchquert. Hier spriessen Haine von Mandel- und ™lbäumen und kleine Getreidefelder.

Sie legen Zeugnis davon ab, dass diese Gefilde eine Geschichte haben, dass hier eine alte Zivilisation vorhanden war und dass der Mensch dieses Land noch nicht ganz geräumt hat. Im Januar, wenn die weisse Pracht der Mandelblüten sich grell von der ockerfarbenen Erde abhebt und wenn nach der Schneeschmelze Sturzbäche die Wände der Schluchten niederzischen und über grüne Grasoasen strömen, sind die tiefen Täler des Anti-Atlas von betörender Schönheit. Ein Besucher, den es hierher verschlagen hat, mag dann annehmen, die Gegend sei fruchtbar. Doch leider trügt die Satellitenaufnahme nicht. Die ganze Region leidet schwer unter Wassermangel. und es fehlen jegliche Voraussetzungen für eine wirklich erfolgreiche Landwirtschaft.

Zudem hat sich im Lauf der letzten 30 Jahre das Klima ständig verschlechtert; die Abstände zwischen den Regenfällen sind immer länger geworden, und es kommt zu immer ausgedehnteren Dürreperioden. Armut und Elend sind die Folgen. Die Ergebnisse dieses Klimawandels sind in grossen Teilen von Nordafrika zu spüren, die langsam aber sicher zu Wüste werden. Im Südwesten Marokkos bildet der Anti-Atlas die Grenze zur Sahara, und wie überall in Grenzregionen sind es die dort lebenden Menschen, die zuallererst leiden müssen, wenn unheilvolle Zeiten nahen.

 

Das Wachsen der Wüste beruht allerdings nicht ausschliesslich auf unerbittlichen klimatologischen Faktoren. Im Verlauf der Jahrhunderte, während denen die Täler des Anti-Atlas bewohnt waren, hat der Mensch selbst tatkräftig zur Verringerung seiner Überlebensmöglich- keiten beigetragen. Weidende Herden haben den Boden seines natürlichen Schutzes entkleidet, und die Abhänge der Täler wurden ihres lebensspendenden Humus beraubt.

Von dem, was die Erde ihnen zu bieten hatte, konnten die Menschen in diesen kargen Zonen nie leben. Soweit die Erinnerung zurückreicht, haben sie versucht, ausserhalb ihrer angestammten Lebensbereiche auf Mittel zum Überleben zu sinnen. Während langer Dürreperdioden und in Katastrophenjahren musste der grössere Teil der Bevölkerung nach Norden fliehen, in die Ebenen längs der Atlantikküste, wo die Überlebenschancen besser waren.

Doch selbst zur Zeit verhältnismässig guter Ernten suchten viele Menschen - ausschliesslich Männer - ihr Glück im Norden, wobei sie ihre Familien zurückliessen. Jene, die das Arabische ausreichend beherrschten, versuchten sich oft als "Tulba", Religionslehrer, durch- zuschlagen, indem sie den Kindern im Norden beibrachten, arabisch zu lesen und zu schreiben und den Koran zu verstehen. Andere zogen zu den Bergwerken in Westalgerien, nachdem die Franzosen begonnen hatten, in ihrer Kolonie Mineralvorkommen auszubeuten. Doch die meisten von jenen, die gegen Norden wanderten, liessen sich in den Städten Nordmarokkos nieder und schufen sich dort eine Existenz als Kleinhändler.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte die Auswanderung der Männer aus den Gebirgsregionen des Südens solche Ausmasse angenommen, dass sie geradezu zur Regel geworden war. Jene, die in ihren Dörfern ausharrten, bildeten die Ausnahme. Den Auswanderern eilte bald der Ruf voraus, streng moralisch, arbeitsam und wirtschaftlich tüchtig zu sein.

 

In der Zeit vor dem 2. Weltkrieg konnte man in den Städten des Nordens ungefähr gleich gut leben wie als Bauer und Viehzüchter im Süden, doch zehn Jahre später hatte der Handel in Norden die Landwirtschaft im Süden klar auf den zweiten Rang verwiesen. Der relative Wohlstand, den man heute in den Dörfern antrifft, ist so gut wie ausschliesslich importiert.

Man nennt die Menschen aus den von mir geschilderten Regionen "Soussi" (Plural "Souassa"). Der Name kommt vom Fluss Souss, der zwischen den Gebirgsketten des Hohen Atlas und des Anti-Atlas hindurchfliesst und gerade südlich von Agadir ins Meer mündet. Doch wenn die Marokkaner allgemein von "Souassa" reden, meinen sie damit nicht die Bewohner der fruchtbaren Ebene um den Fluss, sondern die Volksgruppe, die oben in den Bergen des Anti-Atlas beheimatet ist.

Die Tausenden von Souassa, welche in den grossen Städten zu so erfolgreichen Kaufleuten geworden sind, kommen aus dem Gebiet um Tafraoute und entspringen Stämmen, deren Dörfer an den Abhängen des grossartigen, urwüchsigen Berges Jebel Lkist liegen. Dieser ragt 2800 Meter in die Höhe und beherrscht diesen Teil des Anti-Atlas.

Unterhalb dieses Berges erstreckt sich ein Tal von Norden nach Süden. Es ist nur einige Kilometer breit und ein paar Meilen lang, doch hier herrschen natürliche Voraussetzungen für Ackerbau und Besiedlung, wenn auch nur in begrenztem Umfang. Die Dörfer sind in der Nähe von Wasserläufen emporgeschossen, welche die Berghänge nieder- brausen, und um das Wasser herum haben die Bewohner terrassen- förmige Anbauflächen für Getreide, Mandelbäume und Olivenhaine angelegt. Doch heutzutage, wo der Ackerbau bereits grossenteils aufgegeben worden ist, sind die Dörfer verfallen, und einzelne Häuser stehen einsam und verlassen auf Feldern, die der Mensch wieder der Natur überlassen hat.

Die sieben Stämme jener Gegend zählen insgesamt vielleicht 80'000 Seelen. Zwei Nachbarstämme haben durch ihre Geschicktheit und ihren Erfolg nicht zuletzt auf dem Gebiet des Handels besonderen Ruhm erworben. Einer davon ist der Tahala-Stamm, dem ich angehöre.

 

Jeder dieser sieben Stämme gründet sich auf Verwandtschaftsbande. Ihr sozialer und kultureller Hintergrund ist sehr ähnlich. Sie bilden zusammen eine begrenzte geographische Einheit und besitzen gegenüber Fremden eine eigene Identität. Der Sammelbegriff für diese Stämme lautet "Ammeln".

Auf einer unteren Stufe finden wir dann Einheiten, die auf nahe Verwandtschaft und Blutsbande zurückgehen. Eine solche Einheit, die man Stamm nennt, aber vielleicht mit einem treffenderen Ausdruck als Klan bezeichnen könnte, heisst in der Berbersprache "afus", was öHand" bedeutet.

Ein solcher "afus" ist der Tahala-Stamm. Heutzutage ist er südwestlich des Berges Jebel Lkist beheimatet. Sein Verwaltungszentrum ist die kleine Stadt Tafraoute. Als mein Urgrossvater Rami den Tahala-Stamm anführte, hiess dieser Ait Rami. Rami bedeutet auf arabisch "Schütze", doch in der Berbersprache "Mann". Das Wort "ait" leitet sich vom arabischen "ƒila", "Familie", ab. Als mein Grossvater Moussa Ouhmou Stammeshäuptling wurde, nahm der Stamm den Namen Ait Moussa an.

Mein Grossvater wurde zum Häuptling gewählt, weil er mutig und ein guter Schütze war. Er wurde von einem schwarzen Berufsmörder umgebracht. Der Mord geschah auf dem Marktplatz Tahala, fünf Kilometer von unserem Dorf entfernt. Dies war ein unerhörter Frevel, denn der Tradition zufolge war es verboten, auf dem Markt einen Menschen zu töten.

Hinter dem Verbrechen stand ein feindlicher Stamm, der keinen anderen Weg sah, ihn aus dem Weg zu räumen, als einen Berufsmörder zu dingen, der ihn feige von hinten erschoss. Mein Grossvater war gewarnt worden, doch er wollte nicht als Angsthase dastehen und ging deshalb zum "Souk" (Markt). Am darauffolgenden Mittwoch erkannten einige Menschen auf dem grossen Markt in Tafraoute (Souk Larbƒa, 10 Kilometer von meinem Heimatdorf) den Mordgesellen wieder und erschossen ihn. So wurde mein Grossvater gerächt.

 

Unter den Souassa war Blutrache im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts gang und gäbe. Ein Grund für die häufigen Rachefeldzüge lag in den inneren Spannungen, die unter einer Bevölkerungsgruppe entstanden, wo immer mehr Menschen von den immer kargeren Erträgen des Bodens leben mussten. Die Blutrache war aber auch ein Ergebnis der primitiven, aber wirksamen Rechtsordnung, die in isolierten Gemeinschaften existiert. Wer dort einen Menschen tötet, muss mit seinem eigenen Leben dafür büssen. Da es keine ordnende Macht gab, rächten sich die verschiedenen Familien und Klans auf eigene Faust für erlittenes Unrecht. Sie stützten sich dabei auf Bräuche und Regeln, die von Generation zu Generation übernommen wurden.

Geschah ein Mord, und war der Mörder bekannt, so musste er das Land verlassen. Danach konnte sich die Familie des Opfers nicht an der des Täters rächen. Doch konnten fünf Angehörige des Ermordeten schriftlich zu Rächern bestimmt werden; sie hatten dann das Recht, den Übeltäter aufzuspüren und umzubringen. Gelang ihnen dies, drohte ihnen keine Landesverweisung. War ein Mord ohne Vorbedacht begangen worden, konnte der Täter der Familie seines Opfers ein Blutgeld bezahlen. Bisweilen begnadigte der Stamm einen Mörder sogar dann, wenn die Tat vorsätzlich geplant war.

Natürlich gab es auch Morde, bei denen der Täter unbekannt blieb. Wurde dann jemand des Verbrechens verdächtigt, so konnten seine Blutsverwandten seine Unschuld beschwören. Dasselbe galt für andere Vergehen, die ungeklärt blieben. In manchen Fällen beschworen fünf Mitglieder eines Afus die Unschuld des Beschuldigten, in anderen 12 oder gar 25. Bei einem Mordfall brauchte der Verdächtige nicht weniger als 50 Bürgen. Als solche kamen lediglich Angehörige seines eigenen Afus in Frage. Üblicherweise wurde der Eid am Grabe eines Heiligen geleistet und von einem religiösen Führer mit dem Koran in der Hand überwacht.

Die soziale Gruppierung, die am besten dazu geeignet war, innere Streitigkeiten beizulegen, war der Afus. Ein solcher umfasste bis zu 50 Familien. In einem Dorf konnten viele Afus gemeinsam leben. Jeder Afus, und darüberhinaus jedes Dorf, wählte einen Führer, in der Regel einen älteren Mann, und zwar meist auf Lebenszeit.

 

Bei Streitfällen waltete dieser als Vermittler. Liess etwa jemand seine Ziegen auf den Feldern seines Nachbarn weiden, oder geschah ein Diebstahl, oder kam es zu einem Streit um Wasserrechte, so bemühte sich der "Anfgour", den Zwist zu schlichten. Als Anfgour bezeichnet man den gewählten Vertreter des Afus in der "Djamƒa" (Ratsversammlung) des Dorfes.

Der Stamm in seiner Gesamtheit wählte seinerseits einen Führer ("Anflous"). Seine Aufgaben waren dieselben, nur eben auf höherer Stufe. Jeder Stamm besass seine Regeln ("Luh", was eigentlich öHolzstück" bedeutet). Diese sahen genaue Sanktionen für alle Delikte vor und legten sogar die Art und Weise fest, wie Märkte abzuhalten waren. Dem Anflous oblag die Aufgabe, über die Einhaltung der Luh zu wachen. Alles hatte seinen Preis, sogar Beleidigungen. Wurde jemand verletzt, so mass man seine Wunde mit den Fingern eines mittelgrossen Mannes, und die Luh sahen für jede Fingergrösse der Wunde eine Bussezahlung im Verhältnis zum Ausmass des Schadens vor.

Regeln und Gebräuche dieser Art prägten das Dasein in den Souassadörfern. Sie waren im Lauf einer generationenlangen isolierten Existenz in den Bergen entstanden. Niemand weiss, wann die ersten Berber die Regionen des Anti-Atlas erreicht haben. Man weiss noch nicht einmal, wann dieses Volk Nordafrika zu besiedeln begann. Seine Geschichte ist in Mythen und Sagen gehüllt, und man kann nicht mit Sicherheit feststellen, woher es gekommen ist.

Die Griechen und später die Römer gaben diesem Volke den Spitznamen "Berber". Als solche galten den Griechen all jene Menschen, die nicht griechisch sprachen und somit ausserhalb der damals herrschenden, griechisch geprägten Zivilisation standen. Die Berber nennen sich selbst "Chleuch" und "Amazigh" (Plural "Imazighn"), was soviel wie "freie Menschen" bedeutet. Als die Araber gegen Ende des 7. Jahrhunderts nach Marokko kamen, bildeten die Berber dessen Bevölkerung.

 

Auf den Ebenen und in den teilweise städtisch geprägten Gebieten Marokkos errichteten die Araber ihre ersten festen islamischen Basen. In diesen Zonen wurde das Arabische übernommen, zunächst als Sprache der Religion, doch später auch als Alltagssprache.

In den Bergen wurde dem entstehenden Staat am heftigsten Widerstand geleistet. Dort sowie in der Wüste fiel die Bekehrung zum Islam leichter als die Übernahme der arabischen Sprache und des Stadtlebens. Erstaunlicherweise entsprangen einige der wichtigsten islamischen Kämpfer, die sich gegen die Korruption in den Städten und für einen erneuerten, revolutionären Islam einsetzten, den eigentlichen Nomaden der Sahara sowie den halbnomadischen Stämmen in den Bergen.

Hamitischsprechende Berber und semitischsprechende Araber; eine arabisierte Stadtbevölkerung und nichtsesshafte Berber der Gebirge, die während der verschiedenen Jahreszeiten von ihren Feldern zu den Weiden und dann zurück zu den Feldern wandern: das ist die Bevölkerung Marokkos. Dieses lässt sich einer Halbinsel vergleichen. Auf zwei Seiten wird es von Meeren umsäumt, dem Atlantik und dem Mittelmeer, auf der dritten von Wüsten und Gebirge.

Einst brach dieses Land aus seiner Isolierung aus und verpflanzte seine maurische Zivilisation nordwärts nach Spanien, doch musste es dieses einige Jahrhunderte später wieder verlassen und sich abermals in die Isolation zurückziehen. Marokko bildet den westlichen Aussenposten der islamischen Welt. Es wird überall von Stämmen aus den Oasen der Sahara durchstreift, von fanatisch gläubigen Nomaden, die eine Dynastie nach der anderen begründet haben. Länger als jedes andere Land in Nordafrika konnte sich Marokko der europäischen Zivilisation entziehen.

Doch eines Tages im Jahre 1907 stiegen französische Marineeinheiten bei einem ärmlichen Fischerdorf namens Anfa an Land. Der Ort heisst heute Casablanca und zählt vier Millionen Einwohner. Marokko ist ein Land, das grösstenteils aus Bergen und Wüsten besteht. Hier scheint die Zeit langsamer vorangeschritten zu sein als anderswo.

 

Will man festsetzen, von wann an sich das Rad der Geschichte rascher zu drehen begann, so fällt die Wahl zwangsläufig auf das Jahr 1912. Damals eröffneten Franzosen und Spanier ihren Eroberungsfeldzug in Marokko. Dieses wurde zum "Protektorat" ernannt, was bedeutete, dass die europäischen Mächte das Recht für sich in Anspruch nahmen, es nach Herzenslust auszuplündern.

Es war den französischen Streitkräften ein leichtes, die korrumpierten Städte und die Ebenen in Besitz zu nehmen, doch es dauerte 20 Jahre, bis sie die Bergvölker des Anti-Atlas "befriedet" und unterworfen hatten. Der Grund dafür lag einerseits in dem unwegsamen Gelände, andererseits im unerschrockenen Widerstand der Bergbevölkerung. Der Islam kam aus dem Osten, um die Menschen zu befreien; der Kolonialismus kam aus Europa, um sie wirtschaftlich, kulturell und politisch zu unterdrücken und auszubeuten.

In der Mitte der vierziger Jahre baute die französische Armee die erste Strasse zwischen Tafraoute und Tiznit. Darauf begannen die Männer aus Souss, in grosser Zahl nach Casablanca abzuwandern, das in der Folge unmässig wuchs.

 
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Die ersten Jugendjahre

Als ich das Licht der Welt erblickte, waren meine Eltern Bauern, doch reichte der Ackerbau nicht aus, um der neuen Generation eine würdige Existenz zu bieten, so dass mein Vater, M'barek ben Moussa ebenfalls nach Casablanca zog. Ich habe keine Ahnung, in welchem Jahr das war, und ich weiss nicht einmal, ob er zu Hause war, als ich geboren wurde.

Mein Geburtsort war das Dorf Douar Ait-Mar, in der Gegend des Tahalastammes, unweit von Tafraoute im Anti-Atlas. Mein Geburtsjahr mag 1946 gewesen sein, aber dies ist nicht sicher. Würde ich meine Mutter Fatima heute nach dem Datum fragen, so wüsste sie kaum zu antworten. Sie ist Analphabetin und hat nie im Leben einen Kalender besessen. Das einzige, was zählt, ist die Jahreszeit; wichtig ist, ob es Winter oder Sommer ist. Jede Jahreszeit kehrt wieder, sie braucht nicht datiert zu werden. Für meine Mutter ist die Zeit ein Kreislauf, kein Fortschreiten. Will sie einen Zeitpunkt näher bestimmen, so bezieht sie sich auf ein bedeutsames Ereignis, das im Gedächtnis der Menschen haften geblieben ist, eine Seuche beispielsweise oder eine Naturkatastrophe.

Dass meine Mutter weder lesen noch schreiben kann, ist in Marokko durchaus nichts Aussergewöhnliches. Sie hat ihr Heimatgebiet nie im Leben verlassen; für sie endet die Welt am Horizont des nächsten Berges. Ihre Welt umfasst das Dorf, das Nachbardorf und den Stamm. Sobald ich kräftig genug dazu war, musste ich meiner Mutter bei der Feldarbeit helfen. Ich hatte einen älteren Bruder, der mit meinem Vater nach Casablanca ziehen durfte. Dass die Menschen in meinem Dorf so viele Kinder wollten, lag wohl vor allem daran, dass sie möglichst viele Arbeitskräfte für die Feldarbeit brauchten. Kinder waren ihre Altersversicherung.

Meine Mutter hat acht Kinder zur Welt gebracht. Zuerst wurde Mohamed geboren, dann ein Mädchen namens Khlija. Sie starb an irgendeiner Krankheit. Es gab im Dorf kein Krankenhaus, keinen Arzt und keine Krankenschwester. So etwas gab es auch in Tafraoute nicht, und überhaupt nirgends in der ganzen Umgebung.

 

Als drittes Kind kam ich zur Welt. Es folgten Abdallah, Lahcen, Ali und nach diesem noch zwei Kinder, Brahim und Mustafa, die beide einer Krankheit erlagen. Abdallah, Lahcen und Ali leben heute in Casablanca. Mohamed ist ca. im Jahre 1977 gestorben. Als ich ungefähr vier Lenze zählte, schickte meine Mutter mich auf eine Koranschule, wo ich die Sprache der heiligen Schrift, Arabisch, lesen und schreiben lernen sollte. In jedem Dorf gab es eine Moschee und einen "Fqih", einen Religionslehrer, der genug wusste, um die Grundlagen des Lesens und Schreibens zu vermitteln. Ihm oblag auch die Verantwortung für die Moschee; diese ist nämlich nicht nur ein Ort des Gebets, sondern dient auch als Schule für Kinder, welche dort den Koran auswendiglernen sowie lesen und schreiben lernen.

Unser Fqih, Sidi Souleiman, stammte nicht aus dem Dorf, sondern aus einer ganz anderen Gegend, denn einen Menschen, der so hochgebildet war, dass er das Arabische in Wort und Schrift einigermassen beherrschte, gab es bei uns nicht. Er schrieb die Briefe, welche die Einwohner unseres Dorfes absenden wollten - etwa den, welchen meine Mutter an den in Casablanca weilenden Vater schickte - und las ihnen auch die Briefe vor, die sie ihrerseits erhielten.

Er war es auch, der den Koran und die islamische Religion vermittelte und deutete. Der Islam kennt keinen Priesterstand. Das Wort Fqih bezeichnet schlicht und einfach den "Gelehrten, der als Lehrer und Imam in der Moschee wirkt. Unter einem Imam versteht man den Leiter des Gebets. Als solcher kann jeder beliebige Muslim amten. Jeder, der eine Ausbildung durchlaufen hat, ist ein Fqih.

Im Dorf lebten rund 40 Familien. Jeden Tag ass der gelehrte Mann bei einer davon; sie sorgten abwechselnd für sein Essen. Er betrat ein Haus nur, wenn der Mann daheim war; ansonsten bereitete ihm die Frau einen Teller Essen zu, der ihm dann überreicht wurde.

Eines schönen Tages sandte mich meine Mutter also wie erwähnt auf zu ihm. Ich hatte keine Ahnung, wie man sich dort benahm. Ich ging einfach auf den Lehrer zu und sagte ihm, ich sei ein neuer Schüler. Er blickte mich böse an. "Hau ab", sagte er, "du gehörst aufs Feld. Du bist nicht dafür geschaffen, lesen und schreiben zu lernen und den heiligen Koran zu studieren." 15 Später erfuhr ich, dass er so wütend war, weil ich ihm kein Geschenk mitgebracht hatte. Ich selbst wurde zornig und traurig zugleich und heckte, wie mir meine Mutter später erzählt hat, einen Racheplan aus. Als wieder der Tag gekommen war, wo meine Familie ihm sein Essen besorgen musste, schickte meine Mutter mich mit einem Paket zur Moschee.

Dort ging es so zu, dass man an die Tür klopfte, worauf er die Hand ausstreckte und den Teller in Empfang nahm, ohne einen Blick nach aussen zu werfen, denn im allgemeinen wurde ihm das Essen von Frauen gebracht. Auf dem Weg zur Moschee hatte ich dass Essen auf dem Teller weggeschüttet und durch Kot ersetzt. Der Lehrer platzte förmlich vor Wut und schleuderte mir den Teller nach, während ich eilig das Weite suchte. Dies verursachte im Dorf einen Riesenskandal. Hätte man mich zur Koranschule zugelassen, so hätte ich Freundschaft mit den anderen Kindern geschlossen, doch stattdessen musste ich auf den Feldern arbeiten.

Während meiner Kindheit habe ich so gut wie niemals gespielt, denn ich musste in aller Herrgottsfrühe aufstehen, um das Essen zuzubereiten und die Tiere zu füttern. Damals besassen wir eine Kuh und ein Schaf. So etwas wie ein Spielzeug nannte ich nie mein eigen. Doch, einmal hatte ich eines. Als mein Vater eines Tages in der Nähe unseres Hauses einen Brunnen grub, sah ich, wie er vorging. Er benutzte dazu einen Vorschlaghammer sowie einen Handbohrer, um Löcher auszuheben. Dann stopfte er Schiesspulver und eine Lunte hinein. Als ich einmal allein zu Hause war, tat ich es meinem Vater gleich, doch legte ich das Schiesspulver sowie die Lunte unter einen grossen Stein. Der Knall war im ganzen Dorf zu hören. Soweit ich mich entsinnen kann, war dies das einzige Mal, dass ich gespielt habe.

Das Dorf war sehr arm, aber selbstversorgend. Die Menschen bauten alles an, was sie zum Leben brauchten, und Hunger war unbekannt. Jedermann arbeitete ausserordentlich hart. Das Klima jener Zonen ist ungünstig, und schon zu jener Zeit herrschte Wassermangel.

 

Doch so schwer die Leute auch für ihr tägliches Brot schuften mussten, sie waren frei und hatten die Würde sowie den Stolz des unabhängigen Menschen. Bettler und Diebe waren unbekannt, und Kriminalität gab es so gut wie gar nicht. Alle gehörten dem gleichen Stamme an; kein Fremdling hauste im Dorf. Man heiratete einen Partner aus demselben Dorf oder vielleicht aus dem Nachbardorf, doch keinen Fremden.

Das Leben der Dorfbewohner war äusserst stark von der Religion geprägt. Der Islam war alles, was den Menschen zur Verfügung stand, um die grossen Fragen des Lebens zu beantworten. Unterliess es jemand, regelmässig zu beten, so wusste gleich das ganze Dorf davon. Ein solches Versäumnis gilt dort bis zum heutigen Tage als Schande.

Die "säkularisierte" weltliche Macht hatte seit der Ankunft der Franzosen ihren Sitz in Tafraoute, denn dort residierte der Hauptmann, der die Kolonialmacht vertrat. Von meinem Dorf waren es 17 Kilometer nach Tafraoute; dorthin führte durch das Tal ein Pfad, aber eine Strasse gab es noch nicht. Die Luftlinie betrug wohl nicht mehr als fünf Kilometer. Jeden Mittwoch wurde in Tafraoute ein Souk, also ein Markt, abgehalten. Diesen suchten wir allerdings nur selten auf, weil es in Tahala, das nur halb so weit weg lag, einen Sonntagsmarkt gab.

Solche Märkte spielten auch eine bedeutsame soziale Rolle. Man traf sich nicht nur, um Geschäfte abzuschliessen. An diesen Tagen trug man seine besten Kleider, da man ja Menschen aus anderen Gegenden traf. Man plauderte über "Politik", vermittelte Neuigkeiten und erzählte Gerüchte weiter. Auf einem Markt wurde mein Vater 1956 zum öShejk" (Stammes-häuptling) gewählt. Bei uns Berbern ging die Häuptlingswürde keinesfalls automatisch vom Vater auf den Sohn über. Ein neuer Shejk wurde gewählt. Mein Vater hatte gegen die Franzosen gekämpft, und in Casablanca hatte er Interesse für die Politik geschöpft und sich 1953 der Istiqlal, also der Selbständigkeits-partei, angeschlossen. Deshalb verehrten ihn die Menschen im Dorf. Bei der Wahl auf dem Marktentfielen fast alle Stimmen auf ihn, und er wurde Stammeshäuptling (öAmghar" in der Berbersprache). Die Dorfbewohner nannten mich nun "Ben Shejk", Sohn des Scheichs. Auf diesem Wege wurde mein Vater nun auch zum Vertreter der zentralen Macht des Stammes, nachdem Marokko seine Unabhängigkeit erlangt hatte. 17 Wie alle Berberdörfer war auch das unsere von altersher von einer öDjamƒa" gelenkt worden. Unter einer solchen versteht man eine Gruppe von zwölf durch die Dorfbewohner gewählten Männern, welche eine Art Rat bildeten. Sie trafen sich so oft sie konnten und erörterten die Lage im Dorf. Formale Sitzungen gab es nicht; sie fanden sich einfach zusammen und setzten sich irgendwo hin. Grundsätzlich konnte jeder beliebige Mann an diesen Treffen teil-nehmen, und die meisten, die dies taten, waren altehrwürdige Männer.

Das Alter spielte eine wichtige Rolle, denn "die älteren sind weiser als die jüngeren", und man schenkte ihnen grössere Aufmerksamkeit. Da das Dorf so abgelegen war, diskutierte man meist über praktische Fragen, beispielsweise darüber, ob man gemeinsam eine Brücke bauen sollte oder wann man mit der Ernte beginnen wollte. Der Boden, der einem Bauern gehörte, bildete nicht unbedingt ein zusammenhängendes Ganzes; man konnte da ein Stückchen Land besitzen und dort ein Stückchen, und es galt den richtigen Zeitpunkt für Aussaat und Ernte beizeiten festzulegen.

Mein Vater hatte an dem langen Krieg gegen die Franzosen teilgenommen, welche die ländlichen Zonen Marokkos unter ihre Herrschaft bringen wollten. Dieser Krieg zog sich über 25 Jahre dahin. Erst dann glückte es den Franzosen, die Landgebiete zu unterjochen. Mein Vater war bei der letzten Schlacht bei Ait Abdallah im Jahre 1934 dabei. Damals besiegten uns die Franzosen; anschliessend beuten sie in Tafraoute einen Militärstützpunkt.

Die Enttäuschung unserer Kämpfer war natürlich grenzenlos. Unser ganzer Kampf unterstand islamischen Prinzipien. Er war eine Art öJihad", worunter man die islamische Pflicht zum Kampf gegen die Ungerechtigkeit versteht. "Jihad" heisst Kampf. Im Westen missversteht man den Begriff im allgemeinen. Man meint, es bedeute "heiliger Krieg", doch dieser Erklärung ist zu einfach. Das Wort leitet sich vom Verbum "jahada" (ösich anstrengenö) ab. Jihad ist eine islamische Pflicht. Es ist der Kampf gegen das Böse und das Unrecht, nicht, wie man im Westen wähnt, ein "heiliger Krieg", sondern ein Krieg für die Gerechtigkeit, deren Schutz einem Moslem als religiöse Pflicht obliegt. 18 Das Gerechtigkeitsprinzip ist der Grundpfeiler des Islam. Es verlangt von jedem einzelnen, dass er sich anstrengt. Man unterscheidet zwischen dem "grossen" und dem "kleinen" Jihad. Der grosse Jihad ist der Kampf gegen das Böse in uns selbst. Der kleine Jihad ist der Kampf gegen das Böse ausserhalb von uns, das Böse in der Gesellschaft oder der Welt.

Als die Franzosen unser Land kolonisierten, wurde gegen sie der kleine Jihad ausgerufen. Aber das Böse, das Unrecht triumphierte über uns. Für alle unsere Menschen war dies eine namenlose Enttäuschung, eine Katastrophe ärgster Art. Doch das Volk gab nicht auf, sondern setzte seinen Widerstandskampf fort. Der Islam verlieht ihm Kraft und Stärke wie später den afghanischen Freiheitskämpfern gegen die Sowjets oder heute noch den Palästinensern.

Der Widerstand gegen die Kolonisierung war für uns eine Herzenssache. Der Kolonialismus, dem wir gegenüberstanden, war nur ein Teil des kolonialistischen Systems, das so gut wie die ganze islamische Welt heimsuchte und noch heute in verschiedenen Formen weiterlebt: indirekt beispielsweise in Marokko, direkt in Palästina und im Libanon.

Im Jahre 1936 leitete ein Fqih, also ein religiöser Führer, im Atlas- gebirge mit 1000 Mann einen Angriff gegen eine französische Garnison. Gott wird uns beistehen, sagte er, wir brauchen keine Waffen. Die Franzosen schossen die Angreifer natürlich über den Haufen oder nahmen sie gefangen. Da begriff das Volk, dass man den Eroberern und Kolonialisten nicht mit blossen Händen entgegentreten kann.

Man besass damals lediglich alte Waffen: Messer, Schwerter, eine Handvoll uralter Flinten. Der Gegner verfügte über ein hochmodernes Waffenarsenal. Die westliche Technologie hatte über unsere Rückständigkeit gesiegt, nicht über unseren Glauben oder unsere Ideale. Die ganze Überlegenheit Israels und der westlichen Welt fusst auf dieser technologischen Überlegenheit über die islamische Welt sowie die dritte Welt ganz allgemein.

 

Vor der Franzosenzeit übten die 12 Männer, aus denen sich die Djamƒa zusammensetzte, die gesamte Rechtssprechung im Dorf aus. Im Islam gab es für jede Situation Präzedenzfälle und Regeln. Wenn die Männer einen Entschluss gefasst hatten, ging ihr Bescheid von Mund zu Mund durchs Dorf. Nichts wurde niedergeschrieben. Man konnte da von einer Art direkten Demokratie freier Männer sprechen, welche kennzeichnend für die Berbergesellschaften war.

Solange die Dörfer isoliert waren und keine Zentralmacht existierte, ging das gut. Nachdem die Franzosen Fuss gefasst hatten, durfte sich der Dorfrat, die Djamƒa, nur noch mit rein praktischen Alltagsfragen befassen, während die tatsächliche Macht bei den Franzosen lag, die dann auch alle wichtigen juristischen Fragen selbst entschieden. Dies rief Unwillen bei den Berbern hervor, welche diese Einmischung als Widerspruch zu den islamischen Gesetzen auffassten. Nun entschieden die Kolonialisten über zivil- und familienrechtliche Probleme, die für die Dorfbewohner von allergrösster Wichtigkeit waren und deren Hintergrund die Franzosen nicht kannten.

Die Menschen im Dorf wandten sich auch dagegen, dass die Franzosen Berber und Araber gegeneinander auszuspielen suchten. In Marokko besteht wohl ein Gegensatz zwischen Land- und Stadtbevölkerung, doch keinesfalls zwischen Berbern und Arabern. Für den Durch- schnittsmarokkaner sind "Araber" und "Moslem" Synonyme. Dass man Araber sein kann, ohne zugleich Moslem zu sein, ist für ihn unverständlich. Man darf den Koran nicht übersetzen, und man darf seine Gebete nicht in der Berbersprache verrichten. Das Arabische ist die Sprache des Koran und folglich heilig. Wenn meine Mutter auf dem Boden ein Papier mit arabischer Schrift sieht, regt sie sich furchtbar auf, weil eine heilige Sprache nicht in den Schmutz gezogen werden darf. Für sie ist also "Araber" genau dasselbe wie "Moslem".

So etwas wie instututionalisierte Korruption gab es in unserer Gegend vor der Kolonialzeit nicht. Natürlich bestanden Ungerechtigkeiten, aber solche beseitigten wir selbst, und wer einem anderen ein Unrecht zufügte, konnte schlimmstenfalls dafür getötet werden. Hier lag das Prinzip der Blutrache begründet: Hast du einen Menschen umgebracht, so musst du im allgemeinen mit deinem eigenen Leben dafür bezahlen.

 

Die Besatzerbehörden arbeitete mit Verrätern zusammen, die schalten und walten konnten, wie es ihnen beliebte, ohne dass sie dafür zur Rechenschaft gezogen wurden. Ungerechtigkeit und Korruption wurden von neuen Gesetzen, vom Staat und der Polizei gedeckt. Vor der Kolonisierung herrschte Ordnung, die dann durch eine Art organisierte Anarchie abgelöst wurde. Gewisse Leute konnten morden, sich der Korruption hingeben, ihre Macht schamlos missbrauchen und sich aufführen, wie sie wollten, ohne dafür eine Bestrafung zu riskieren. Sie hatten das "Gesetz" und die Staatsmacht auf ihrer Seite.

Früher waren wir alle ungefähr gleich arm, doch nun konnten einige durch Korruption oder durch Handel in den Städten zu Reichtum gelangen, weshalb die soziale Kluft zwischen arm und reich wuchs. Als Beispiel kann man einen Neureichen namens Bouhdar anführen, der zu Beginn der fünfziger Jahre in Tahala lebte. Er häufte durch Spekulation Unsummen von Geld an, hatte seine Finger in allen möglichen Bestechungsaffären und schenkte dem französischen Militär- kommandanten ein schickes Auto. Als Gegenleistung bekam er die Erlaubnis, unter dem Schutz der französischen Militärmacht zu tun, wonach ihm der Sinn stand. Er war also zum Kollaborateur geworden.

Zum Zeitpunkt, wo ich dieses Buch schreibe, ist dieser Mann noch am Leben. Er treibt es immer noch wie früher, nur verrichtet er seine Dienste nun für die neokolonialistischen Behörden des "neuen", formal selbständigen Marokko. Ehe die Franzosen abzogen, traten sie die Macht an die Verräterclique ab, die das Land heutzutage regiert. Solchen Verrätern wie dem erwähnten Boudhar galt unser Hass. Nachdem die Franzosen den Krieg gewonnen hatten, bekamen wir ihre Beamten nicht allzu oft zu Gesicht.

In unserer Gegend lebte nur ein einziger französischer Offizier, der Militärkommandant der Besatzerarmee in Tafraoute, der zugleich Gouverneur und Führer eines marokkanischen Söldnerbataillons war. Doch nach dem verlorenen fünfundzwangzigjährigen Krieg war das Volk müde geworden. Pessimismus, Verzagtheit und Verzweiflung nahmen überhand, und die Verräter machten sich diese Stimmung zunutze. Der von den Kolonialisten protegierte Sultan wurde vom Volk als Verräter betrachtet. 21 Die Franzosen wussten natürlich sehr wohl, dass unsere Bergzonen isoliert und selbständig gewesen waren und mit dem korrupten Rest des Landes nicht allzu viel zu tun hatten. Diese Situation wollten sie nun für ihre eigenen Interessen ausnutzen, indem sie die Berber an der französischen kulturellen Invasion teilhaben liessen. Die Franzosen entschieden, "richtige" französische Schulen zu errichten und riefen für alle Kinder die allgemeine Schulpflicht aus.

Dahinter stand die Absicht, den Berberkindern Französisch beizubringen. Auf diese Art sollte ein Riss zwischen französisch- sprechenden Berbern auf dem Land und arabischsprechenden Arabern in der Stadt entstehen, aber auch eine Kluft zwischen den Berbern und ihren mit der französischen Sprache aufwachsenden Kindern. Während meiner Jugendzeit gab es bei uns im Dorf ausser dem Fqih niemanden, der Arabisch konnte.

Als die Franzosen irgendwann anno 1951 oder 1952 in Tafraoute eine Schule bauten, erregte dies heillosen Schrecken. In Windeseile verbreitete sich das Gerücht, die Franzosen wollten die Kinder stehlen. Damit gemeint war natürlich, dass sie sie ihren Eltern kulturell entfremden wollten, doch manche erzählten, sie wollten die Kinder den Eltern buchstäblich wegnehmen.

Eines Nachts machte sich meine Mutter deshalb heimlich mit mir auf den Weg. Ich erinnere mich noch daran, dass sie mich auf ihre Schultern setzte und dass ihr Nackenhaar mich an der Innenseite meiner Schenkel kitzelte (die Frauen pflegten sich den Nacken zu rasieren).

Im Schutze der Dunkelheit brachte meine Mutter mich in ein Dorf, das acht Kilometer von unserem Heimatort entfernt war. Von dort fuhr ein Bus nach Casablanca. Sie schickte mich mit einem Freund meines Vaters auf den Weg, denn am nächsten Tag sollte der Unterricht in der französischen Schule anfangen.

Ich war keinesfalls das einzige Kind, das auf diese Weise aus dem Dorf geschmuggelt wurde. In vielen Nachbardörfern geschah Úhnliches, da die Leute dort ihre Kinder auch nicht auf die Franzosenschule schicken wollten. 22 So verschlug es mich das erste Mal nach Casablanca. Statt die Schule zu besuchen, musste ich als kleines Kind bei meinem Vater in einem Geschäft arbeiten. Das war im Jahre 1952. Ich zählte damals fünf oder sechs Jahre.

Als die ersten französischen Soldaten nach Marokko entsandt wurden, um dort ein "Protektorat" zu gründen, stiegen sie beim Fischerdörfchen Anfa an der marokkanischen Atlantikküste an Land. Sechzig Jahre später war das Fischerdörfchen zur viertgrössten Stadt des afrikanischen Kontinents geworden. 1968 wohnte jeder zehnte Marokkaner in Casablanca, einer rasch wachsenden Metropole, welche, wie so viele andere Grossstädte der Dritten Welt, die Landbevölkerung förmlich einsaugt.

Casablanca ist also eine junge Stadt und gleicht keiner anderen in Marokko, sondern weist einen ganz eigenen Charakter auf. Das Zentrum, wo die grossen Hotels und Geschäfte liegen, könnte irgendeiner anderen Stadt im Mittelmeerraum gehören; es gibt dort wenig, was echt marokkanisch ist. Das Stadtbild wird von zehn- bis fünfzehnstöckigen Häuern geprägt, die zur Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs nach dem Zweiten Weltkrieg erbaut wurden.

Heutzutage flankieren die Häuser die breite Strasse der Königlichen Streitkräfte, die bis zum Platz Mohammeds des Fünften reichen (früher hiess er Place de France). Auf der anderen Seite des grossen Markts erstreckt sich das alte Medina (was auf arabisch "Stadt" heisst). Als die Franzosen kamen, lebten dort ca. 20'000 Menschen. Heute, 70 Jahre später, drängen sich rund 3 Millionen Einwohner auf ungefähr der gleichen Fläche zusammen.

Anfänglich expandierte die Stadt von der Place de France aus in alle Richtungen. Die Europäer wohnten im Zentrum. Ein Disktrikt, Maƒrif, war zur Kolonialzeit hauptsächlich von Spaniern bewohnt. Um 1930 erhielten die Marokkaner die Erlaubnis, in ein neu erbautes öeuropäisches" Gebiet zu ziehen, Neumedina, dessen Einwohnerzahl bis 1960 auf l85'000 zunahm.

 

Die meisten Bewohner dieser neuen Stadtteile rekrutierten sich aus der marokkanischen Mittelklasse, die fast jeden Marokkaner umfasst, welcher für seine Arbeit Lohn bezieht: Arbeiter, Staatsbeamte, Büroangestellte, Lehrer und Ladenbesitzer. In diesen Quartieren schossen die nationalistischen Bewegungen der Städte aus dem Boden und warben ihre ersten Anhänger.

Vielleicht meinten die Franzosen, als sie Neumedina aus dem Boden stampften, sie könnten die Eingeborenen so von den im Zentrum lebenden Europäern isolieren, doch dieses Kalkül schlug fehl. Als diese Stadtteile zur Hochburg der Stadtguerrilla wurden, bereitete es den französischen Behörden allergrösste Mühe, in die Stützpunkte der Widerstandskämpfer einzudringen.

Immer mehr Kopfzerbrechen verursachte den Franzosen auch das rasche, illegale und unkontrollierbare Wachstum der Slums an den Stadträndern. Solche Elendsquartiere begannen während der zwanziger Jahre aus dem Boden zu schiessen, und während der dreissiger Jahre wucherten sie krebsartig aus. Auf französisch nannte man sie öbidonvilles", was von "bidon", "Blechbüchse", kommt. Das wichtigste Baumaterial waren nämlich Konservendosen, die man plattdrückte und dann zur Herstellung von Wänden und Dächern benutzte. Die beiden grössten Slums von Casablanca sind die CarriÜres Centrales (1959 59'000 Einwohner) und Ben M'sik (1959 97'000 Einwohner).

Andere Elendsviertel schossen überall dort wie Pilze aus dem Boden, wo ein Grundbesitzer bereit war, Land zu vermieten, oder wo die neuen Stadtbewohner unbebautes Terrain vorfanden. Die kommunalen Behörden haben diese Stadtteile niemals juristisch anerkannt, und kein Besitzer einer Blechhütte wagt deshalb, diese in eine ordentliche, permanente Wohnung umzugestalten - aus Angst davor, dass die Behörden eines Tages Bulldozer auffahren und das ganze Slumviertel niederwalzen lassen könnten. Ungefähr 30% aller Einwohner von Casablanca hausen in solchen "bidonvilles". Diese Ghettos werden eines Tages vielleicht die ganze Stadt verschlingen. Hier existiert eine Subkultur, in welcher die Menschen schon seit Jahrzehnten in weitgehender Isolation von der Stadt und deren Bewohnern leben.

 

Die Einwohner dieser Slums sind den Behörden gegenüber feindlich gesinnt, aber wohl doch nicht bereit, sich zu verteidigen, weil sie so unerhört verwundbar sind und so viel zu verlieren haben. Die Stadt ist ihrer Meinung nach immer noch besser als das Dorf, egal ob es nun Arbeit gibt oder nicht. Sie wollen um keinen Preis in ihre verarmten Heimatorte zurückkehren.

So gut wie jede Sphäre ihres Lebens untersteht der Kontrolle der Behörden: die Wohnerlaubnis im Ghetto, die Arbeitsgenehmigung, die Identitätskarte, die Erlaubnis, ihre Kinder zur Schule zu schicken, usw. Sie müssen ungemein vorsichtig sein, um das wenige, was die Stadt ihnen bietet, nicht aufs Spiel zu setzen.

Der Überlebenskampf ist in diesen Elendsquartieren dermassen mörderisch, dass es für "politischen Extremismus" keine Basis gibt. Die brotlosen Menschen wagen nur selten, Sympathie für radikale Lösungen zu äussern, besonders wenn es sich bei diesen um importierte, fremdländische Ideen handelt. Sie können es sich nicht leisten, Revolutionäre zu sein. Andererseits kann es in diesen öbidonvilles" zu Explosionen von Hass und Terror kommen, wenn die Brotlosen eines Tages gar nichts mehr zu verlieren haben. So war es 1965 in Casablanca.

"Der Mensch lebt nicht vom Brot allein", sagt ein Protagonist in einem der (auf französisch geschriebenen) Romane des marokkanischen Schriftstellers Driss Chraibis. Er konnte sich diese Formulierung leisten. Es war ja nur eine bildhafte Wendung, doch er konnte sie sich erlauben. Die Sozialisten konnten sich den Luxus gönnen, mehr als Brot zu benötigen. Hier, in den Elendsvierteln, gab es kein Brot. Nicht einmal einige Krumen.

Hier gab es nichts anderes als entwurzelte, unterdrückte Menschen, die mit etwas Glück überlebten, aber das war schon alles. Und die Kinder, diese Scharen von Kindern, die schon vor Sonnenaufgang auf den Beinen waren, nackt, mit vom Hunger aufgedunsten Bäuchen und riesengrossen Augen, die im Unrat nach etwas Essbarem wühlten. Fanden sie einige Brotkrumen, so war dies eine Gabe Gottes. Anstelle solcher fanden sie politische Flugblätter.

 

Sie brachten Trachome und Staphylokokken mit nach Hause und legten jene Gottergebenheit an den Tag, welche die Ideologie der Erwachsenen ihnen eingeimpft hatte. In diesen Quartieren haben die Kinder, und jene, die auf die Heimkehr der Kinder warten, nur ein einziges Ziel: eines Tages sagen zu können, sie hätten genug Brot zum Leben gehabt.

Wenn man kein Brot fand, so fand man vielleicht Abfall, für den die Gesellschaft keine Verwendung gehabt hatte: rostige Konservendosen und alte, verrottete Papierschachteln. Aus den Papierschachteln wurden Wände und aus flachgedrückten Dosen Dächer. Aber alle diese lebenden Toten warteten auf eine revolutionäre Ideologie, welche sie in Krieger verwandeln würde. Sie sassen vor ihren elenden Schuppen, sahen die Sonne im Osten auf- und im Westen niedergehen und hörten das Geplärr aus dem Radio, das sie mit Mystizismus und Statistik, Produktionsnormen, Hymnen und allerlei Reklame für Waren überschütteten, die für sie so unerreichbar waren wie die Sonne.

Der Widerstand gegen den Kolonialismus wurde auf dem Land an allen Fronten geführt: politisch, kulturell und auch mit der Waffe. Die Nationalisten in den Städten verbreiteten ihre Ideen, gründeten Parteien, Zeitungen, Gewerkschaften und betrieben ideologische Propaganda. Der Widerstand wies hier "moderne", bürgerliche Formen auf und war von westlicher Denkweise beeinflusst. 1934 legten die Souassa im Atlasgebirge ihre Waffen nieder, um den Widerstand in anderer Form weiterzuführen, und viele beteiligten sich am ersten grossen Industriestreik von 1936. Hauptaktionsbasis für die Souassa war nun Casablanca, eine Stadt, die fast vollständig von Migranten aufgebaut war, unter denen die Berber vom Hohen Atlas und Antiatlas zahlreich vertreten waren. Und da Casablanca das kommerzielle und industrielle Zentrum des Landes war, galt die dortige politische Entwicklung als richtungsweisend für die Marokkos in seiner Gesamtheit.

Meine Mutter setzte mich also in den Bus nach Casablanca, wo mein Vater arbeitete. Nach einiger Zeit kehrte mein Vater nach Tafraoute heim, doch ich blieb zurück und arbeitete in verschiedenen Lebens- mittelläden für allerlei Leute, die mein Vater nicht kannte.

 

Ich war fünf oder sechs Jahre alt, und sie behandelten mich wie einen Sklaven. Um vier Uhr morgens wurde ich aus dem Schlaf gerissen. Ich musste den Laden aufräumen und verteilte dann Zeitungen oder Milch an Leute, die in den vornehmsten Stadtteilen wohnten. Ich musste Dinge aufheben, die schwerer waren als ich. Eine Zeitlang war ich in einem Laden angestellt, der Chemikalien zur Textilienfärbung verkaufte. Vom Einatmen der Chemikalien wurde ich an der Luftröhre und der Lunge krank. Da wurde ich entlassen. Ich verdiente so gut wie nichts und arbeitete einzig und allein fürs Essen.

Als Kind wurde ich grausam behandelt. Vor allem Berberkaufleute, bisweilen sogar meine eigenen Stammesgenossen, nutzten mich aufs schlimmste aus, und ich musste Tag und Nacht wie ein Sklave schuften. Ich arbeitete im Laden und wohnte zugleich dort. Mein Schlafplatz lag unter dem Ladentisch. 1956 kam dann die "Selbständigkeit". Meine Eltern hielten sich in Tafraoute auf, während ich in Casablanca wohnte, bei meinem Bruder Mohamed, der schon ein Teenager war und ein kleines Geschäft eröffnet hatte. Doch nach ein paar Monaten fuhr er gleichfalls nach Tafraoute zurück, und ich musste bei anderen Menschen arbeiten.

Meine letzte Arbeit als Kind war bei einer jüdischen Familie, die in Casablanca einen Lebensmittelladen besass und sich auf die Ausreise nach Israel oder Kanada vorbereitete. Sie schickten eine Tochter nach Israel und einen Sohn nach Kanada, um die Lage zu sondieren. Bei ihnen entdeckte ich, wie hasserfüllt und rassistisch Juden gegenüber Moslems und Christen sind. Ich durfte nicht am selben Tisch wie sie essen. Sie betrachteten Nichtjuden nicht als Menschen.

Zu jener Zeit setzte ich mir in den Kopf, ich müsse zur Schule gehen und etwas lernen, und ich bat einen Vetter, mich ins Dorf heimzuführen. Mein Vater wurde sehr wütend. Er wollte unbedingt, dass ich als "Geschäftsmann" Karriere machte wie alle anderen aus unserer Gegend. Der Weg zu einer solchen Karriere lag darin, dass ich bereits als Kind in einem Geschäft arbeitete. "Du bist mir ein komischer Vogel", schimpfte er. Doch ich wollte um jeden Preis zur Schule, obgleich er beschloss, dass ich im Dorf oder in der Stadt arbeiten müsse und meinen Fuss nie in ein Klassenzimmer setzen dürfe.

 

Ohne meinen Vater um Erlaubnis zu bitten, ging ich dann rund 15 Kilometer zu Fuss nach Tafraoute und suchte den Gouverneur auf, den Kaiden, welcher der Verwaltungschef des Bezirks Tafraoute war. Sein Name war Hadj Ahmed Ougdourt. Er galt in ganz Marokko als Unikum. Hadj Ahmed Ougdourt hatte über 80'000 Menschen unter sich; mein Vater war als Schejk gleichfalls sein Untergebener. Zu diesem Mann ging ich also und sagte ihm, ich wolle zur Schule gehen, doch mein Vater sei dagegen.

Hadj Ahmed Ougdourt war beinahe Analphabet. Doch über sein Leben kursierten die wildesten Gerüchte, und sie waren märchenhaft. Während der Kolonialzeit hatte er sich so unbotmässig gezeigt, dass man ihn in Tafraoute hinter Schloss und Riegel setzte. Er kam eigentlich vom Stamm der Issy, der drei Meilen von Tafraoute entfernt lebte, und hatte früher ein kleines Geschäft in Rabat besessen. Im Gefängnis verhielt er sich stolz und hochmütig gegenüber dem französischen Hauptmann, dem "Qbtann", wie die Menschen diesen nannten (er war der Militärgouverneur in Tafraoute). Man erzählte, Hadj Ahmed Ougdourt habe als Gefangener zum Hauptmann gesagt: öWenn mein Land frei ist, werde ich hier an deiner Stelle der Chef!"

Damals wagte noch kaum einer zu hoffen, dass Marokko irgendwann einmal selbständig sein würde. Das Volk war so entmutigt und die Franzosen militärisch dermassen stark, dass nur wenige im innersten Herzen an einen Sieg über die Unterdrücker glaubte, aber Hadj Ahmed Ougdourt gehörte zu diesen wenigen. Seine einzige Ideologie und Stärke war der Glaube an den Koran. Wer keine höhere Macht anerkennt, lebt oft nach dem Gesetz des Dschungels. Doch für einen frommen Muselmanen muss Stärke auf Gerechtigkeit gründen und die Gerechtigkeit stark sein, damit man eine menschlichere Welt schaffen kann.

Als die Selbständigkeit dann tatsächlich gekommen war, liess man diesen Mann frei, und der neue marokkanische Gouverneur ernannte ihn zum Kaiden von Tafraoute. Er war kein Konformist, seinem Wesen nach ein Original, ein Widersacher jeder Ungerechtigkeit und ein scharfer Gegner aller Korruption.

 

Er mobilisierte flugs die Bevölkerung, um in jedem Dorf eine Schule zu errichten und Strassen zwischen den Dörfern zu bauen, und er liess Tausende von Olivenbäumen anpflanzen. Sogar das erste kooperative Unternehmen der Gegend ging auf seine Initiative zurück. Er achtete darauf, dass all dies ohne Befehle von oben zustande kam. Alle diese segensreichen Dinge entstanden dank seiner Initiative.

Die "Selbständigkeit" erwies sich als Betrug der Franzosen an den Marokkanern. Sie übergaben die Macht dem Sultan, zogen aber hinter die Kulissen weiterhin die Fäden und stellten ihm in Frankreich ausgebildete Offiziere zur Verfügung, die auch in der französischen Armee gedient hatten - Männer wie Oufkir und Dlimi beispielsweise mitsamt einer ganzen Armee, welche direkt aus der französischen hervorgegangen war. Die Polizei rekrutierte sich hauptsächlich aus Verrätern und Kollaborateuren, welche für die französischen Kolonialisten Handlangerdienste verrichtet hatten und sich nun auf wichtigen Posten einnisteten.

Die vielleicht einzige Ausnahme in ganz Marokko war der Kaid von Tafraoute, ein erklärter Widersacher der Kolonialherrschaft. Von ihm hiess es, er tanze zu einer anderen Musik als zu der des Sultans. Er zeigte uns, wie es zugegangen wäre, hätten wir eine echte Selbständigkeit erworben. Er hatte die Gabe, das Volk spontan zu mobilisieren und konnte die Leute dazu überreden, sich freiwillig zum Bau von Schulen oder Strassen zu melden, ohne dass es dazu einer Verwaltung oder eines Budgets bedurft hätte. War man mit dem Bauen fertig, schickte er einen Brief ans Erziehungsministerium in Rabat und teilte diesem mit, in der und der Ortschaft gebe es nun eine Schule und sogar Lehrer.

Der Kaid erweckte mit seinem eigenmächtigen Vorgehen Anstoss und Unruhe, und zwar sowohl bei den provinziellen Behörden in Agadir als auch bei den zentralen in Rabat. Er beging den Fehler, das Wort öSelbständigkeit" wörtlich zu nehmen. Er errichtete auch ein grosses Heim für elternlose und arme Kinder und liess sogar eine Schule für jene Kinder einrichten, die nicht auf die staatlichen Schulen gehen konnten. Dort meldeten sich 300 Schüler.

 

Ich war eines der Kinder, welche dank jenem Heim und dank der von Hadj Ahmed gebauten Schule zum Unterricht gehen konnten. Als Kind sah ich in ihm ein Vorbild und einen Helden. Er besass ein tiefes Gerechtigkeitsgefühl und Sinn für Demokratie und Menschenrechte, nicht nur in seinen Worten, sondern auch in seinen Taten.

In Tafraoute gründete Hajd Ahmed ausserdem eine Kooperative, eine Fabrik, wo Dutzende von Frauen Arbeit fanden und wo man Teppiche herstellte. So etwas hatte es in unserer Gegend noch nicht gegeben. Auch eine Bibliothek war dort früher unbekannt, doch er sorgte dafür, dass wir eine bekamen. Er liess sogar die ersten "ffentlichen Toiletten im Zentrum von Tafraoute bauen, auf dem Marktplatz Souk Larbƒa. Die Leute dort hatten nie im Leben so etwas wie moderne Toiletten zu Gesicht bekommen. Sie verrichteten ihre Bedürfnisse irgendwo im Freien, aber nun strömten sie auf die funkelnagelneuen Toiletten.

Es war Mittwoch und Markttag. Bei der Einweihung der Bedürfnis- anstalt hielt der Kaid eine Rede. Nach kurzer Zeit merkte man, dass die Leute ihre Bedürfnisse überall auf dem Boden verrichteten, nur nicht über den Löchern, die eigens zu diesem Zwecke angebracht waren. Deswegen liess der Kaid die Menge am nächsten Markttag abermals versammeln und hielt wiederum eine Ansprache. Als tiefreligiöser Mensch begann er seine Ausführungen wie üblich mit einer Lobpreisung Gottes. Dann fuhr er fort: "Warum setzt ihr eure Löcher nicht auf die Löcher der Toiletten?" Wütend fuhr er fort: "Möge Gott euch den rechten Weg weisen!" und ging seines Weges.

Als Verantwortlichen der neuen Bibliothek im Zentrum von Tafraoute ernannte der Kaid einen Fqih, der in den fünfzigern stand. Dieser hatte nie im Leben ein anderes Buch gelesen als den Koran. Sein Name lautete Sidi Mahfoud. Als er in der Bibliothek andere, neue Bücher zu lesen bekam, wurde sein zuvor fester Glaube dadurch arg erschüttert. Er war unfähig, auf die vielen heiklen Fragen zu antworten, welche die Leser ihm in der Bibliothek stellten. Die dort ausliegenden Zeitungen kündeten von den zum Mond gesandten russischen Satelliten und von Gagarins Raumfahrt. Das Ganze begann Sidi Mahfous' intellektuelles Vermögen zu überschreiten. Nach ein paar Monaten erlitt er einen seelischen Kollaps. 30 An einem Markttag versammelte er mehrere hundert Personen ausserhalb der Bibliothek, um eine "wichtige" Rede zu halten. Er eröffnete seinen staunenden Zuhörern, dass er in der Nacht zuvor "mit Gottes Hilfe" ins All und zum Mond geflogen sei und dort unter anderem den Dämonen (öDjinnö) Jamharosh getroffen hatte.

Kaid Hadj Ahmed hatte für Scharlatane nichts übrig, selbst wenn sie einen seelischen Kollaps erlitten hatten. Er liess Sidi Mahfoud verhaften und für zwei Tage hinter Schloss und Riegel setzen, mit der Aufforderung, er solle doch Jamharosh aus dem Weltall herbeirufen, um seinen Astronauten zu befreien. Dann wurde der wackere Raumfahrer zur Pflege in eine psychiatrische Klinik in Agadir geschickt. Die Bibliothek wurde für zwei Monate geschlossen. Nach ihrer Wiedereröffnung - sie hatte nun einen neuen Leiter - getrauten sich viele nicht mehr dorthin, weil sie Angst vor dem Dämon hatten, der Sidi Mahfoud heimgesucht hatte.

Hajd Ahmed war ein durch und durch origineller Mensch, und was er für die Menschen der Gegend an Gutem tat, lässt sich gar nicht ermessen. Er brachte eine regelrechte Kulturrevolution zustande. Die ehemaligen Kollaborateure der Kolonialmacht schmähte er verächtlich als "Volksverräter" und "neue Kolonialisten". Sie bekamen bei ihm keine Privilegien wie anderswo, sondern mussten wie alle anderen Schlange stehen, wenn sie um eine Audienz bei ihm ersuchten. Eine solche Behandlung goutierten die Herren gar nicht, denn so etwas gab es sonst nirgendwo im Lande. Die Reichen waren daran gewöhnt, alles kaufen zu können, auch Beamte.

Überall anderswo in Marokko verkam die "Unabhängigkeit" zur Farce, zu einer Art Missgeburt. König Mohamed V war ein trojanisches Pferd der Franzosen. An die Stelle der französischen Herren traten Verräter und Neokolonialisten. Es wirkte so, als hätten sich die Franzosen bloss ihrer europäischen Kleider entledigt und stattdessen die "Djebella", die marokkanische Nationaltracht, angezogen. Die Polizei setzte sich beispielsweise immer noch aus den gleichen Beamten zusammen, die den Franzosen seinerzeit willfährig gedient hatten.

 

Alle Widerstandsorganisationen, die sich im Kampf gegen die Franzosen gebildet hatten, wurden nach und nach aufgelöst, und viele ihrer Mitglieder wanderten hinter Gitter. Mit Fug und Recht sagt der Koran: "Wenn Könige in einem Lande die Macht ergreifen, verderben und zerstören sie es und verwandeln seine freien Menschen in Sklaven. Dies tun sie fürwahr." Die heutige marokkanische Monarchie ist vom Kolonialismus geschaffen worden, nicht vom marokkanischen Volk. Der Islam verbietet nämlich die Monarchie als Staatsform.

Der Kaid von Tafraoute, Hadj Ahmed, konnte vier Jahre lang, von 1956 bis 1960, wirken, ehe der Gouverneur von Agadir ihn auf Geheiss des Königs absetzte. Ein Jahr später wurde er von Agenten des Monarchen ermordet, weil er sich nicht in das korrupte System einfügen liess. Der Kaid war ein Mitglied des Orchesters, doch störte er die Symphonie dadurch, dass er seinen eigenen Takt bestimmte. Darum wurde er seines Amtes enthoben und durch den Hampelmann Abdelaziz ersetzt, der zur Kolonialzeit Sekretär des französischen Militärgouverneurs gewesen war. Er war also ein typischer Verräter und eine Kreatur des alten und neuen Kolonialismus.

Dass mein Vater zum Shejk des Tahala-Stammes gewählt wurde, hatte er dem Kaiden Hadj Ahmed zu danken, der an die islamische Demokratie (öShoraö) glaubte. Anderswo im Land wurden die Shejks nicht gewählt, sondern durch die Provinzgouverneure eingesetzt. An einem Sonntag im Januar 1956, es war Markttag, versammelte der Kaid die Angehörigen des Tahala-Stammes zu einem Treffen auf dem Markt Souk Lhad, damit sie ihren Shejk küren sollten. Unter vielen Kandidaten wurde mein Vater gewählt. Als dieser mich anfang 1958 nicht zur Schule gehen lassen wollte, begab ich mich, wie früher berichtet, also zum Kaiden.

Ich war nur ein kleines Kind, aber er empfing mich. Einer der Knöpfe in meinem Hemd war anders als die übrigen. Der Kaid war ein Pedant und Perfektionist. Er kritisierte alles, was ihm nicht in den Kram passte und was er ändern wollte. "Wer hat bloss diesen Knopf angenäht?" fragte er mich. "Ich selbst, denn ich habe keinen passenden Knopf gefunden", antwortete ich.

 

"Dann musst du einen suchen. Man muss alles ordentlich machen, denn das hat der Prophet befohlen. Alles, was wert ist, dass man es tue, muss gut und sorgfältig getan werden." Er gab mir ein Büchlein mit einer Auswahl von Aussprüchen des Propheten (öHadithö) und fuhr fort: öMan soll nicht nur lesen und denken, sondern auch so handeln wie der Prophet Mohamed." Der Kaid sprach mit mir wie mit einem Erwachsenen. "Selbstverständlich gehst du mir zur Schule", sagte er. "Du kannst kostenlos im Waisenhaus wohnen." Er meldete mich für die Schule an. Mein Vater ärgerte sich nicht wenig darüber, konnte aber nichts tun, weil der Beschluss ja von seinem Vorgesetzten ausgegangen war.

Ich war vielleicht elf oder zwölf Jahre alt und damit mehrere Jahre älter als die anderen Schüler. Einen richtigen Schulranzen hatte ich auch nicht, sondern bloss einen geflochteten Sack, wie ihn die Frauen zum Einkaufen auf dem Markt verwendeten. Ich büffelte Tag und Nacht. Ich kaufte mir Stearinkerzen, damit ich nach dem Lichterlöschen, welches abends um zehn Uhr stattfand, noch weiter lernen konnte. Mit Hilfe zweier Kartons und meiner Decke baute ich mir eine Art Zelt ums Bett, wo ich meine Studien betreiben konnte.

Um vier Uhr früh mussten wir aus den Federn. Ein ehemaliger marokkanischer Unteroffizier der französischen Armee war im Internat für die Disziplin zuständig und regelte unseren Tagesablauf mit mililtärischer Präzision. Nach dem Aufstehen mussten wir uns vor dem Frühstück in eiskaltem Wasser waschen, und dann stand das Morgengebet auf dem Programm. Einige Schüler mochten sich im Winter nicht waschen, weil es so kalt war, und taten nur so, als wüschen sie sich. Einmal kam der Kaid morgens um halb fünf völlig überraschend in die Moschee und entdeckte, dass einige der Kinder ihre Schuhe anhatten, was man in einer Moschee nicht darf. Er war sehr zornig auf uns. Doch war er ein grossartiger Mensch, der mir unendlich viel bedeutete.

Nach nur einigen Wochen in der ersten Klasse durfte ich dank meinem unermüdlichen Fleiss, meinen Vorkenntnissen und meinem Alter gleich in die dritte Klasse aufrücken. Schon drei Monate später sass ich in der vierten und letzten Klasse. 33 Zu jener Zeit, es war Ende 1958, hiess der Erziehungsminister Mohamed el-Fassi. Er war Mitglied der Istqlalpartei und ein recht ordentlicher Mann. El-Fassi befürwortete eine rasche Arabisierung des Unterrichts und hatte beschlossen, die Kinder sollten den Unterricht in marokkanischer Geschichte und Geographie auf arabisch erhalten und nicht mehr auf französisch wie früher.

Der Haken war nur, dass es keine in arabischer Sprache ausgebildeten Lehrer für diese Fächer gab. Die Religionslehrer in den Moscheen hatten ja niemals Geschichte oder Geographie gelernt oder eine pädagogische Ausbildung in diesen Fächern erhalten. Wie konnten sie da anständigen Unterricht erteilen? Von Geschichte und Geographie hatten sie keine blasse Ahnung. Ihr Unterrichtsstil bestand darin, dass sie die Schüler bis zur Ermüdung wiederholen liessen, was sie vorne am Pult sagten.

Mein erster Geographieunterricht wurde von einem Lehrer namens Hadj Mohamed erteilt. Er stammte aus einem Dorf fünf Kilometer von Tafraoute. Trotz seines schlechten Augenlichts weigerte er sich strikt, eine Brille zu tragen, da er alles verwarf, was nicht von Gott geschaffen worden war. Beispielsweise lehnte er es strikt ab, Bus zu fahren, und ritt stattdessen auf einem Geschöpf Gottes zur Schule, nämlich einem Esel. Jeden Tag ritt er auf seinem Esel fünf Kilometer bis zur Schule. Er hängte eine Karte von Marokko an die Tafel und sagte dazu nur: öHier ist Marokko, wiederholt alle, hier ist Marokko. Hier ist Casablanca, sprecht mir nach, hier ist Casablanca. So hat Gott Marokko geschaffen, wiederholt das alle dreimal."

Auf diese Weise ging es weiter. Wir plapperten alles nach, was uns der Lehrer vorsagte. Während der Pausen neckten wir seinen Esel. Eines schönen Tages kam er aber ohne Esel zur Schule, und wir erfuhren, dass er geheiratet und dass seine Frau ihm ein Ultimatum gestellt hatte: Der Esel oder ich! Sie war jünger als er und eine Emanze. Rund einen Monat später kam er wieder zur Schule geritten. Er hatte sich für den Esel entschieden und sich von seiner Frau scheiden lassen.

 

Meine Zeit an dieser Schule dauerte nur zwei Jahre statt fünf, wie es üblich gewesen wäre. Man händigte mir ein Zeugnis aus, welches besagte, dass ich die marokkanische Grundschule (ö‚cole primaireö) absolviert hatte, und ich durfte meine Ausbildung fortsetzen. In Tafraoute gab es kein Gymnasium, nur in Tiznit, achtzig Kilometer weiter nördlich, und dort kostete der Aufenthalt im Internat Geld, während der Unterricht selbst kostenlos war.

Ich konnte also aufs Gymnasium gehen. Dieses dauerte sechs Jahre und zerfiel in zwei Stufen. Die erste, dreijährige Stufe ("‚cole secondaire") wurde mit einem Diplom (öbrevetö) abgeschlossen, die zweite, gleichfalls drei Jahre dauernde Stufe ("cours compl‚mentaire") mit dem Abitur ("baccalaur‚at"). In Tiznit gab es nur die erste Stufe. Wer auch die zweite absolvieren wollte, musste nach Agadir, 150 Kilometer nördlich von Tafraoute, oder nach Casablanca, 700 Kilometer weiter nördlich, ziehen.

Mein Vater sträubte sich auch weiterhin mit Zähnen und Klauen gegen meinen Schulbesuch, aber ich sprach wiederum mit dem Kaiden, der sich bereit erklärte, die 400 Dirham pro Quartal zu bezahlen, die das Internat in Tiznit kostete. Das war zu jener Zeit ein Haufen Geld, und er zahlte es aus seiner eigenen Tasche. Jeden Monat sandte er mir einen Brief, in dem er mich mahnte, recht fleissig zu lernen.

Als mein erstes Schuljahr in Tiznit zu Ende ging, wurde der Kaid abgesetzt. Wie sollte ich nun meine Ausbildung fortsetzen? Der Rektor, ein bösartiger und prügelfreudiger Franzose namens Pruvost, sagte mir, die einzige Möglichkeit, ein Stipendium zu erhalten, bestehe darin, einen Vertrag zu unterschreiben, in dem ich mich dazu verpflichtete, die ersten drei Jahre auf dem Gymnasium abzuschliessen und dann als Lehrer an der Grundschule ("‚cole primaire") zu arbeiten. Dies bedeutete aber, dass ich die oberen drei Gymnasialklassen nicht besuchen und somit kein Abitur machen konnte. Ich wollte nicht in diesen Vorschlag einwilligen, aber er wurde zornig und zwang mich dazu.

 

Kleine Kinder zu unterrichten war nun wirklich nicht das, was mir vorschwebte. Ich wollte Nasser nacheifern und wie er für die Freiheit und gegen die sozialen Ungerechtigkeiten kämpfen, indem ich die Monarchie stützte. So unterzeichnete ich zwar wie verlangt den Vertrag, nahm mir aber heimlich vor, der Schule in Tiznit zu gegebener Zeit den Rücken zu kehren.

Wegen all des Unrechts, das ich als Kind miterleben musste, reifte ich schon frühzeitig. Ich entwickelte ungewöhnlich früh ein politisches Bewusstsein und nahm bereits zur Schulzeit in Tiznit eine ganz klare politische Stellung ein. Ich hatte von den gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten nicht in Büchern gelesen, sondern sie am eigenen Leibe erfahren.

Dass Hadj Ahmed am Ende meines ersten Schuljahres seines Amtes enthoben wurde, habe ich bereits erwähnt. Er starb ein paar Jahre später unter ungeklärten Umständen in seinem Dorfe Issy, vierzig Kilometer südlich von Tafraoute. Die Leute erzählten sich, die Agenten des Königs seien hinter dem Mord gestanden. Auf lokaler Ebene war Hadj Ahmed für mich ein Beweis dafür, dass es möglich ist, sich tatkräftig für soziale Gerechtigkeit und Demokratie einzusetzen.

Was die landesweite und die internationale Politik betraf, war mein Vorbild aber Nasser. Er bezeugte durch seine Taten, dass es möglich ist, den Kolonialismus und den Neokolonialismus zu überwinden und die Monarchie zu zerschlagen, welche die Spitze eines morschen und tyrannischen Systems bildet. Die politischen Parteien Marokkos sind ein Teil dieses Systems. An ihrer Spitze steht eine korrumpierte Elite, die selbst kulturell und intellektuell kolonisiert und verdorben ist. Wenn ich in Tafraoute am Rundfunk Nassers politischen Reden in der Sendung "Stimme der Araber" von Kairo lauschte, verspürte ich, dass dieser Mann meine eigenen Ideen ausdrückte, dass sein Traum auch meiner war und dass er der geborene Führer der Araber und Muselmanen war. Bereits damals fühlte ich, dass ich, obwohl noch ein Kind, mit Nasser für eine gerechtere Gesellschaft und für eine bessere Zukunft kämpfen, also die Welt verändern musste.

 

Aber wie? Zuerst musste ich eine gründliche Ausbildung erlangen, wie mein Idol und Führer Nasser, dachte ich. Doch der Besuch des Gymnasiums in Tiznit befähigte mich lediglich dazu, Grundschullehrer zu werden. Dadurch wurden meine Chancen zur Verwirklichung meines Traums und zu einem grossen Einsatz für mein Vaterland empfindlich geschmälert.

Ich fühle mich als Weltenbürger. Ich bin gegen engstirnigen Nationalismus, besonders wenn er aggressiv und rassistisch ist. Der Nationalismus ist eine notwendige Waffe im Kampf zur Befreiung seines Landes oder Volkes, doch dann sollte man ihn über Bord werfen. Der aggressive und rassistische Nationalismus, der in Europa die Grundlage für Chauvinismus, Expansionismus und Völkerhass gebildet hat, ist widernatürlich und schimpflich.

Meine Bewunderung für den Kampf, den Nasser in Úgypten führte, war für mich gleichbedeutend mit einer frühzeitigen Überwindung eines engen marokkanischen Nationalismus. Mit der damals erworbenen Einstellung fühlte ich mich nicht als Fremdling, als ich später nach Schweden kam. Ich bin in allererster Linie ein Mensch, und dem Kampf für den Menschen gilt mein ganzes Dasein.

Da ich mit dem despotischen Rektor, der mich nur drei Jahre lang aufs Gymnasium gehen lassen wollte, nicht vernünftig reden konnte, beschloss ich in aller Heimlichkeit, einen kleinen Coup zu unternehmen. Der französischer Rektor war ein durch und durch widerwärtiger Geselle und prügelte die Kinder mitleidlos. Diesem Kerl wollte ich einen Streich spielen. Doch zuvor brauchte ich mein Diplom, welches bewies, dass ich zwei Jahre lang die untere Gymnasialstufe besucht hatte.

Eines schönen Tages im Oktober 1960 sagte ich dem Lehrer, ich wolle im Klassenzimmer sauber machen. Ich bekam die Schlüssel zum Schulsaal und ging zu einem Schrank, der die Dossiers mit unseren Zeugnissen enthielt. Ich nahm meine Papiere heraus, und am Tag darauf stieg ich sehr zeitig auf und sagte der Schule auf Nimmer- wiedersehen. In der Tasche hatte ich keinen roten Heller, doch nahm mich ein Buschauffeur, der meinen Vater kannte, nach Casablanca mit.

 


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Der Neokolonialismus

Schon bevor die Franzosen die Widerstandsbewegung auf dem Lande zerschlagen hatten, war die Vorstellung eines selbständigen Marokkos bei den Intellektuellen in den Städten populär. Zu Beginn der fünfziger Jahre konnten die französischen Besatzungsbehörden den Traum von der Freiheit nicht mehr wirksam unterdrücken, obgleich sie fleissigen Gebrauch von bewährten Repressionsmitteln wie Gefängnis, Verbannung und Pressezensur machten.

Ein letzter, verzweifelter Versuch, die Kontrolle über das Land wiederzugewinnen, bestand in der Verbannung des Sultans Mohamed V, den man der Unterstützung der Nationalisten bezichtigte. Diese Massnahme führte zu massiven Protesten und zog eine Reihe von Terroranschlägen in den Städten sowie auf dem Lande nach sich (es gab zwei kleine Untergrundbewegungen). Die von "bürgerlichen" Kräften beherrschte Istiqlal (Unabhängigkeitspartei) versuchte die nationale Woge zu kanalisieren. Sie forderte die Selbständigkeit, aber öunter Beibehaltung enger Beziehungen zur Metropole" (Paris). Ferner verlangte die Partei die Einführung der Demokratie bei gleichzeitiger Rückkehr des Sultans auf den Thron.

Nach zwei Jahren wachsender Proteste schlugen die Franzosen urplötzlich eine neue Taktik ein, und Marokko wurde unter der Führung des Palastes formal unabhängig. Zu jenem Zeitpunkt stand Frankreich wegen einer Reihe von Befreiungskriegen in verschiedenen Teilen seines Imperiums unter härtestem Druck. Der Krieg in Indochina hatte die französische Armee demoralisiert. 1954 fiel Dien Bien Phu, und gleichzeitig steigerten die nationalen Bewegungen in Marokko, Tunesien und nicht zuletzt Algerien ihre Aktivitäten.

An all diesen Fronten zugleich Krieg zu führen war nicht möglich. Frankreichs Anerkennung der marokkanischen Selbständigkeit im Jahre 1955, auf die im Jahr darauf die offizielle Unabhängigkeit folgte, zog zwei weitere Niederlagen für den Kolonialismus nach sich: die Selbständigkeit Tunesiens und das Genfer Indochina-Abkommen.

 

Für Paris galt es, die enormen französischen Kapitalinvestitionen in Marokko zu schützen und gleichzeitig alle Kräfte auf die Unter- drückung der erstarkenden Widerstandsbewegung in Algerien zu konzentrieren.

Vor der Kolonialzeit wurde Marokko von Sultanen regiert, die von einer Gruppe von "Ulama" (Religionsgelehrten; der Singular des Wortes lautet "Alimö) gewählt wurden. Marschall Lyautey, früherer Militärkommandant in Marokko und überzeugter Monarchist, wandelte das Sultanat in eine Monarchie europäischen Zuschnitts und den Sultan in einen König französischen Stils um. Der islamischen Lehre nach ist die Monarchie verboten. Der erste Schritt zur Kolonialisierung Marokkos bestand in der Errichtung dieser Staatsform, und dazu wurde ein Protektoratsabkommen zwischen Marokko und Frankreich unterzeichnet. Die Bauern erhoben sich und umzingelten die Stadt Fes, wo der Sultan damals residierte. Nun marschierte die französische Armee in Marokko ein, um die gefährdete Monarchie zu retten. Parallelen zum sowjetischen Einmarsch in Afghanistan im Dezember 1979 sind da ganz offenkundig.

Die Kolonialzeit dauerte in Marokko 45 Jahre. Als sich der französische Kolonialismus ernsthaft bedroht sah, stützte er sich auf die Monarchie, um eine neokolonialistische Ordnung mit neuen wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Formen zu errichten. Das öProtektorat" blieb so gewissermassen bestehen, aber im Rahmen einer öneuen Weltordnung", wo die Grossmächte sich direkte militärische Interventionen sparen können, solange lokale Laufburschen wie Hassan II, Najibullah oder Pinochet ihre Geschäfte verrichten.

Nach der Selbständigkeit konzentrierte König Mohamed V, ehemaliger Sultan, alle Macht in seinen Händen. Er hielt die bürgerlichen Politiker fest im Griff, indem er allgemeine Wahlen in Aussicht stellte, sobald das Land "reif" sei. Manchmal köderte er sie auch, indem er ihnen einen Platz in seiner Regierung einräumte. In Tat und Wahrheit änderte sich herzlich wenig an der alten Kolonialordnung. Sie wurde nur mit einer nationalen Fassade versehen. 1958, drei Jahre nach der Unabhängigkeit, standen weiterhin französische Richter an der Spitze der Gerichte.

 

Französische und jüdische Offiziere hatten Schlüssel-positionen in der Armee inne; französische Grossgrundbesitzer sassen unangefochten auf ihren Gütern; französische Wirtschaftskapitäne leiteten fast den gesamten modernen Industriesektor: Transport, Bergwerke, verarbeit- ende Industrie, Tagespresse, Banken, Ernährungs-industrie usw.

Der Handel floss weiterhin in Richtung Frankreich. Wie früher bildeten Orangen und Phosphat unsere Hauptexportgüter. Kostbare Devisen, die man zur Entwicklung einer industriellen Infrastruktur benötigt hätte, wurden stattdessen für den Import von Landwirtschafts-produkten wie Weizen und Zucker vergeudet, die man ohne weiteres selbst hätte anbauen sollen. Stattdessen wurde die Landwirtschaft einseitig auf den Export ausgerichtet. Ferner wurden Devisen in grossem Ausmass für den Kauf von Luxusartikeln für eine wachsende Oberschicht einschliesslich der zahlreichen Ausländer verschleudert.

Die Istiqlalpartei arbeitete praktisch mit dem Palast und ausländischen Kapitalinteressen zusammen, um die bestehende Ordnung aufrecht- zuerhalten. Viele unabhängige Gruppen, die während des Befreiungs- kampfes entstanden waren, gerieten unter staatliche Kontrolle. Die bürgerlichen Politiker erwiesen sich als gänzlich unfähig, der Monarchie die Macht zu entreissen.

Mit der durch wachsende Kapitalflucht nach der Selbständigkeit erzeugten Wirtschaftskrise nahmen die Streiks an Häufigkeit und Heftigkeit zu. Die städtischen Arbeiter, welche das Rückgrat der Frei- heitsbewegung gebildet hatten, waren bereit, dafür auf die Barrikaden zu gehen, dass sich die Unabhängigkeit nicht in einer nationalen Fassade erschöpfte. Die Antwort der bürgerlichen Parteien bestand darin, Streikbrecher unter Polizeischutz einzusetzen. So wandten sich die Gewerkschaftsführer mehr und mehr von der Istiqlal ab. Schliesslich kam es zur Spaltung der Partei, und der linke Flügel nannte sich fortan UNFP (Union Nationale des Forces Populaires). In Wahrheit waren aber diese innerparteilichen Kämpfe keinesfalls ideologischer Natur. Es handelte sich um einen reinen Machtkampf, den der König selbst sowie sein Kronprinz Hassan, der heutige König Hassan II, angezettelt hatte, um eine Partei zu spalten, welche den Machtanspruch der Monarchie hätte in Frage stellen können.

 

Der "linke" Parteiflügel, aus dem die UNFP hervorging, bestand auch aus Opportunisten und Postenjägern, die freudig mit der Monarchie zusammenarbeiteten, wenn sie einige Brosamen vom königlichen Tisch zugeworfen bekamen.

Während geraumer Zeit gelang es dem Palast, die neuen, "militanten" Führer der Linken für sich zu gewinnen, indem er ihnen einige wichtige Posten in einer neuen königlichen Regierung anbot, die im Dezember 1958 gebildet wurde. Abdallah Ibrahim von der UNFP wurde Premierminister. Doch die Schlüsselpositionen wie das Innen- und Polizeiministerium sowie das Verteidigungsministerium blieben unter königlicher Kontrolle. Ausgerechnet zur Zeit jener UNFP-Regierung warf der damalige Kronprinz Hassan, dem die Armee unterstand, den Volksaufstand in der Rif-Gegend nieder, wobei Tausende von unschuldigen Menschen in unzähligen Dörfern jenes Gebiets abge- schlachtet wurden.

Einige Monate darauf ging es der UNFP selbst an den Kragen. Ihre Zeitungen wurden verboten, viele ihrer Funktionäre wanderten hinter Schloss und Riegel, und Ben Barka, der sich gerade im Ausland befand, durfte nicht nach Marokko zurückkehren, da man ihn beschuldigte, sich an einer Verschwörung gegen Kronprinz Hassan beteiligt zu haben. Ben Barka war Hassans Mathematiklehrer. Er trug wesentlich dazu bei, der Monarchie einen Anschein von Legitimität zu verleihen, indem er als Wortführer in der ersten "konsultativen Versammlung" des Landes (einer Art Scheinparlament ohne konkrete Befugnisse) vorschlug, Mohamed I solle doch Prinz Hassan zum Kronprinzen ernennen. Dabei war Marokko nie eine erbliche Monarchie gewesen! 1960 löste der König die Regierung auf und übernahm den Posten des Regierungschefs selbst.

Der Palast war gegen eine Entwicklung der Industrie und einen Ausbau der Städte, denn beides hätte dazu führen können, dass sich die soziale Basis für die Antimonarchisten verbreiterte. Ferner hätte es eine Stärkung des nationalen Flügels innerhalb des marokkanischen Bürgertums bewirken können.

 

Dies alles hätte wohl die Forderung nach einem echten Pluralismus und Parlamentarismus nach sich gezogen, und die Macht des Hofs wäre in Gefahr geraten. Aus diesen Gründen optierte der König für eine Politik, die darauf abzielte, auf dem Land grosse und kostspielige Projekte zu verwirklichen, welche den Einfluss der feudalen Gross-grundbesitzer auf Kosten der Kleinbauern stärkte.

Mächtige neue Dämme und Bewässerungsanlagen verschafften dem ländlichen Proletariat zeitweise Arbeit, doch waren sie fertiggebaut, so profitierten hauptsächlich die Grundeigentümer davon. Sie konnten nun nämlich auf grösseren und fruchtbareren Úckern Exportprodukte anbauen.

Das europäische Grosskapital war mit diesem Programm hoch- zufrieden. Es hatte in Marokko drei hauptsächliche Interessen: einen Strom billiger Arbeitskräfte in die europäischen Industriestaaten, einen nahen Absatzmarkt für seine Industrieerzeugnisse sowie den Schutz bereits getätigter Investitionen. Zudem wurde der Tourismus ziel-strebig gefördert, und dieser wurde zum zweitwichtigsten Investitions-objekt. Er stimulierte den Bau von Hotels, die Produktion von Air- conditioning-Geräten, die Errichtung von Flugplätzen, die Herstellung von Bussen usw.

Das königliche Wirtschaftsprogamm wurde auch von anderen bedeutsamen Mächten voll und ganz unterstützt: von der französischen wie der amerikanischen Regierung, von französischen Industriellen- kreisen sowie nicht zuletzt von internationalen Finanzorganisationen wie der IMF und der Weltbank.

Im Februar 1961 starb König Mohamed V. Nun ging die Macht auf Hassan II über, der sich selbst zum König ausrief. In der ersten Hälfte des Jahres 1962 rückte der Sieg der Revolution in Algerien in greifbare Nähe, und in Marokko wuchs der Enthusiasmus für die Bildung eines freien und vereinigten Maghreb-Staates, der Marokko, Algerien, Tunesien und Libyen umfassen sollte. Im Mai 1962 kehrte Ben Barka zurück und machte sich zum Wortführer der Bestrebungen, die darauf abzielten, den verlorenen Einfluss der UNFP wiederzugewinnen, vor allem auf dem Land.

 

Der Palast antwortete mit allerlei Manövern, um die politische Initiative selbst zu übernehmen. Er entwarf eine neue Verfassung, die dem Volk vorgelegt werden sollte. Die Abstimmung wurde auf den Dezember 1962 festgelegt. Sie war durch und durch manipuliert. Ben Barkas Partei rief zum Boykott auf, hatte damit aber keinerlei Erfolg: die Verfassung wurde von einer auf eine bessere Zukunft hoffenden, in Armut lebenden Bevölkerung , die nichts von wahlpolitischen Raffinessen, Abstimmungsmanipulationen und Wahlfälschungen wusste, "mit überwältigendem Mehr" angenommen.

Der Sommer 1962 war die politisch aufregendste Zeit seit der Unabhängigkeit. In verschiedenen ländlichen Gebieten übernahmen die Bauern das Land für sich selbst. In den Städten folgte eine politische Kampagne und eine Demonstration auf die andere. Die tollsten Gerüchte kursierten über eine mit algerischer Hilfe zu erreichende bevorstehende Befreiung Marokkos.

Der Palast reagierte mit offener Repression. Hunderte von UNFP- Funktionären wurden festgenommen; viele wurden gefoltert und zu hohen Freiheitsstrafen verurteilt. Ben Barka wurde, als er sich im Ausland aufhielt, die Heimkehr abermals verweigert. Nur die Studenten setzten ihre Proteste fort. Immer wieder forderten sie das Regime mit ihren Streiks, Demonstrationen und Protesten heraus. Im März 1965 gelang es den Studenten, die Arbeiter auf ihre Seite zu ziehen, und es kam zu Tumulten, welche die grössten Städte des Landes, vor allem Casablanca, tagelang erschütterten. Doch die Schwäche der Opposition erleichterte den königlichen Sicherheitskräften die brutale Nieder- schlagung des Aufstands.

Etwa einen Monat später fiel Ben Barka in Frankreich einem Mordanschlag zum Opfer. Man nahm allgemein an, dass das Attentat auf das Konto des marokkanischen Königshofs ging, der mit dem Mossad sowie der französischen Staatspolizei zusammenarbeitete. In Marokko begann nun ein langer politischer Winter; für Aufregung sorgten nur die regelmässig wiederkehrenden Studentendemonstra- tionen sowie die Gegenschläge des Regimes. Erst 1970 setzte ein Tauwetter ein.

 
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Ein junger Freiheitskämpfer

Als ich das erste Mal nach Casablanca kam, musste ich wie ein Sklave schuften: ohne Lohn, ohne anständigen Ort zum Schlafen, ohne Freunde, ohne irgendwelche Menschenrechte. So wie mir erging es Millionen von Kindern im ganzen Land. Nun sah ich die Stadt wieder, aber diesmal wollte ich zur Schule gehen. Ich traf nachts ein, und es gab keinen Ort, wo ich wohnen konnte. So schlief ich auf der Strasse, indem ich meine Tasche als Kissen benutzte. Ich muss damals 14 oder 15 Jahre alt gewesen sein.

Am folgenden Morgen begab ich mich zu einem bekannten, wohlhabenden Mann, der sich während des Zweiten Weltkriegs auf dem schwarzen Markt eine goldene Nase verdient hatte. Er stammte aus Souss und konnte weder lesen noch schreiben. Ich hatte vernommen, es gebe in Casablanca ein Internat für heimatlose Kinder, und der betreffende Geldsack sitze im Vorstand des Vereins, dem das Internat gehörte. Er hiess Hadj Abd und war ein typischer Vertreter der parasitären Schicht von Neureichen.

In Souss wussten alle, wo sein Haus in Casablanca lag. Dorthin ging ich also und klopfte an die Tür. Ich sagte, ich sei ein heimatloses Kind und wolle gerne weiter zur Schule gehen, besitze aber keinen roten Heller. Hadj Abd wunderte sich nicht schlecht. Wir sprachen zunächst zusammen ein Gebet; anschliessend eröffnete er mir, es gebe seines Wissens im Internat keinen freien Platz mehr, doch gab er mit einen Wisch mit und schickte mich mit diesem zum Internatsleiter.

Ich wurde wider Erwarten aufgenommen, musste aber auf dem Boden schlafen. Trotzdem war ich überglücklich. Das Essen war miserabel und die hygienischen Zustände kläglich. Ich kam zu zwei anderen Schülern ins Zimmer. Der eine hiess Adel. Sie gaben mir eine Decke, in die ich mich beim Schlafen auf dem Fussboden wickelte. Eine Woche später wurde mir ein Bett zugewiesen. Nun gab es also einen Ort, wo ich schlafen und essen konnte. Als nächstes machte ich mich auf die Suche nach einem Gymnasium, das bereit war, mich aufzunehmen.

 

Ich suchte ein grosses Gymnasium auf, das nach dem damaligen Kronprinzen "Lyc‚e Moulay Hassan" benannt war. Da ich die nötigen Unterlagen vorweisen konnte, liess man mich zum zweiten Jahreskurs zu. Die Lehrer waren unter aller Kritik, und ich merkte bald, dass der Unterricht für mich nur Zeitverschwendung war. Deshalb studierte ich Tag und Nacht auf eigene Faust. Die anderen Kinder waren acht Jahre lang auf die gewöhnliche Schule gegangen und hatten es deswegen nicht so eilig wie ich. Im Gegensatz zu den Kindern aus reichen Familien ging ich nun nicht zur Schule, weil ich musste, sondern weil ich wollte. Ohne Abitur (Baccalaur‚at) sah ich für mich keine Sicherheit und Zukunft. Es war geradezu eine Existenzfrage für mich, dass ich das Abitur schaffte.

Dies war im Schuljahr 1960/61. Ich wollte das Abitur so rasch wie möglich bestehen. Deswegen bereitete ich mich privat auf die Prüfung vor. Eigentlich hätte ich noch volle fünf Jahre lang zur Schule gehen müssen, doch schon nach einem Schuljahr fühlte ich mich reif für die Abschlussprüfung. Deshalb reichte ich beim Erziehungsministerium einen Antrag auf Zulassung zur Abiturprüfung als Privatstudent ein. Dem Ersuchen wurde stattgegeben. Sobald das Schuljahr zu Ende war, durfte ich an der Prüfung teilnehmen, und zu meiner grossen Überraschung schaffte ich sie auf Anhieb.

Meine Klassenkameraden hatten nun noch vier Schuljahre vor sich. Nach zwei Jahren Lehrerseminar wurde ich anno 1963 Gymnasial- lehrer. Über eine allzu lange Schulzeit konnte ich mich wahrlich nicht beschweren, denn ich hatte insgesamt ganze drei Jahre lang die Schulbank gedrückt und dabei die Anfänger-, Mittel- und Gymnasialstufe absolviert. Nach weiteren zwei Jahren hatte ich auch eine akademische Ausbildung, das Lehrerseminar, hinter mir.

Wohl nahmen mich meine Studien auf dem Gymnasium und am Lehrerseminar sehr in Anspruch, doch las ich gleichzeitig viel über Politik. Manche der damals verschlungenen Bücher prägten mich stark und vertieften mein Bewusstsein. Ich las den Koran und einige Bücher von Nasser (Revolutionsphilosophie), Chakib Arsalan (öWeshalb sind die Muslime heute unterentwickelt?ö) sowie Khalid Mohamed Khalid (öBürger, nicht Sklavenö).

 

Zudem führte ich mir zahlreiche Schriften über Nasser, Ben Bella, Abdelkrim al-Khatabi, Abdelkader al-Jazairi etc. zu Gemüt. Ich sass auch oft vor dem Radio und hörte die "Stimme der Araber" aus Kairo; der marokkanische Rundfunk war in meinen Augen bloss ein Instrument zur Verbreitung heuchlerischer Lügenpropaganda.

Einen nachhaltigen Eindruck hinterliess auf mich auch Victor Hugos grosser Roman "Les Mis‚rables", weil ich mich selbst als eine Art Stiefkind des Schicksals betrachtete. Doch rührt Hugos Buch lediglich zu Tränen, ohne eine Lösung anzubieten oder Hinweise darauf zu vermitteln, wie man die sozialen Ungerechtigkeiten beseitigt, welche Stiefkinder des Schicksals wie mich erzeugen. Die grösste Inspiration bedeuteten für mich der Koran , das kleine, mir seinerzeit vom Caiden zum Geschenk überreichte "Hadithö-Buch sowie Nassers Revolution gegen Tyrannei, Kapitalismus und Kommunismus.

Doch nun war die ganze politische Elite, die der Kolonialismus in Marokko herangezüchtet und ausgebildet hatte, in ideologischer und politischer Richtung westlich geprägt. Deshalb waren alle von dieser Elite nach der Unabhängigkeit gegründeten Parteien westlich: liberal, kapitalistisch oder marxistisch. Als Folge dieser Entwicklung gab es keine selbständige islamische Bewegung und auch keine islamistische Partei. Wir sahen uns der Tatsache gegenüber, dass es dem französischen Kolonialismus zumindest vorläufig gelungen war, uns seine kulturelle, sprachliche und ideologische Vormundschaft aufzu- zwingen.

Alle zugelassenen, "gemässigten" marokkanischen Parteien sind eine Art Importware aus Frankreich. 45 Jahre französischer Herrschaft liessen mehrere frankophone Generationen entstehen, welche das Gedankengut des Kolonialismus weiterführten. Nach der Erlangung seiner Selbständigkeit benötigt Marokko deshalb weitere 45 Jahre, um das geistige Joch des Neokolonialismus abzuschütteln und eine befreite, wahrhaftig unabhängige islamische Gesellschaft zu schaffen, die in kultureller, ideologischer und politischer Hinsicht unsere eigenen Werte und Traditionen verkörpert.

 

Dies alles empfand ich, als ich begann, auf islamischer Grundlage für Freiheit, Demokratie und soziale Gerechtigkeit zu kämpfen. Alle legalen Parteien und Organisationen wurden von wohlhabenden, privilegierten Leuten mit neokolonialistischer Mentalität sowie von deren Kindern geführt, die sich zum Marxismus oder Liberalismus bekannten!

1960 trat ich der politischen Studentenorganisation UNEM (Union Nationale des Ætudiants du Maroc) bei. 1961 wurde ich Mitglied der UNFP, obschon mir klar war, dass die Parteiführung aus Opportunisten bestand. Es gab einfach keine Alternative. Im darauffolgenden Jahr, also 1962, hielt ich meine erste politische Rede, und zwar bei einer grossen Versammlung an der Messe von Casablanca. Wie bereits früher erwähnt, hatte der König dem Volk eine neue Verfassung vorgelegt, und das Volk sollte diese nun gutheissen oder verwerfen. Das Ganze war eine reine Farce, und ich sprach mich für einen Boykott aus. Wir wollten eine vom Volk und nicht vom Monarchen gewählte Versammlung. Garantien gegen Wahlbetrug gab es keine.

Zum ersten Mal wurde ich als militantes Basismitglied der UNFP verhaftet, während einige Männer aus der Führungsspitze der Partei gleichzeitig im Palast sassen und im wahrsten Sinne des Wortes mit dem König Poker spielten. Am Tag nach meiner Rede sass ich als Parteivertreter in Maƒrif, einem Stadtteil von Casablanca, um die Wahl zu überwachen. Ich hatte recht viel über wahltechnische Fragen gelernt und kannte die Regeln.

Am Abstimmungstag selbst durfte keine Propaganda gemacht werden, doch in der Schule, wo das Wahllokal für unseren Bezirk eingerichtet war, galt diese Regel nicht - wie auch in den anderen Abstimmungslokalen des Landes. Auf dem Schulhof stand eine lange Reihe von Menschen, die abstimmen wollten, aus lauter Furcht vor einer Bestrafung, wenn sie dem König ihre Stimme verweigerten. Die meisten waren Analphabeten. Ca. 70% der marokkanischen Bevölkerung können weder lesen noch schreiben. Deshalb war das Ja und das Nein jeweils durch eine Farbe gekennzeichnet.

 

Die weisse Farbe stand für das Ja. Auf Arabisch heisst verwenden wir für "weiss" dasselbe Wort wie für "Ei", nämlich "beda". Ich sah einen Polizisten in Zivil, der auf dem Schulhof umherging, während die Leute Schlange standen, und dabei Eier verteilte. Dabei ermunterte er sie, öweiss" zu stimmen. Ich machte ihn darauf aufmerksam, dass eine solche Wählerbeeinflussung am Abstimmungstag nicht gestattet war. öWenn du so weitermachst", rief ich, "dann hole ich Brot und schneide es für das Volk" (das Verb für "schneiden" wird im Arabischen auch für "boykottieren" benutzt).

Nach einer Weile tauchten zwei weitere, ebenfalls in Zivil gekleidete Polizisten auf und nahmen mich fest. Auf dem Polizeiposten machten sich die Bullen über mich lustig, weil ich die Wahlen ernst nahm. Drei Tage lang blieb ich in Polizeigewahrsam. Man misshandelte mich, unter anderem, indem man elektrische Kabel um meine Finger wickelte und Stromstösse hindurchjagte. Die Misshandlung von Verhafteten ist bei der marokkanischen Polizei gang und gäbe.

Die UNFP-Sektion, der ich angehörte, war im Stadtteil Derb Ghalef in Casablanca beheimatet. Allerdings lag ich ideologisch nicht auf der Parteilinie. Ich war in allererster Linie Islamist, d.h. ich wollte mich für einen Staat einsetzen, der für Panislamismus und Panarabismus, für islamische Werte und für politische wie wirtschaftliche Demokratie stand. Für letztere verwenden wir den Begriff "shoran".

Diese Punkte standen nicht im UNFP-Programm. Die Partei war nicht eindeutig sozialistisch, nicht eindeutig panarabisch und nicht eindeutig islamisch. An ihrer Spitze stand eine getarnte marxistische Elite. Die Partei war als Kompromiss zwischen verschiedenen Personen aus verschiedenen Interessengruppen entstanden. Ihr gebrach es an einer klaren ideologischen Linie, und doch genoss sie eine gewisse Unterstützung durch das Volk, weil es einfach nichts Besseres gab.

Andererseits war diese vage ideologische